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Porträts von Apothekern

 
 

Lesen Sie hier, mit welcher Begeisterung und welchem Engagement sich die Apothekerinnen und Apotheker für das Wohl von Kunden und Patienten einsetzen. Alle Porträts sind in dieser Form im pharmaJournal erschienen.

 
 
 
 

Pierre-Alain Gras

 
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Pierre-Alain Gras ist einer der wenigen in der Schweiz praktizierenden Pharmazeuten mit Fachausbildung in klinischer Chemie. In seinen Augen schafft keine Ausbildung bessere Voraussetzungen für die Leitung eines Labors für medizinische Analysen als ein Pharmazie-Studium.

Was hat Sie zur Pharmazie gebracht?

Pierre-Alain Gras: Mein Onkel war Inhaber der Pharmacie du Mortier d’or in Genf, der späteren Pharmacie Dr. Buchs. Er hatte einen Doktortitel in medizinischen Analysen und versuchte im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Genfer Universität, die Studierenden der Pharmazie für Biologie und medizinische Analysen zu begeistern. Darüber hinaus gehörte er zu den Gründern der Ofac. Er war eine echte Persönlichkeit. Während meines Pharmaziepraktikums in seiner Apotheke habe ich unglaublich viel von ihm gelernt. Der Kontakt mit der Kundschaft und die Arbeit in der Beratung kamen mir später sehr zugute, besonders was den Kontakt mit Ärzten betrifft, mit denen ich auf Augenhöhe diskutieren konnte. Zu dieser Zeit fühlte ich mich jedoch sehr zur Galenik hingezogen und sah meine Zukunft eher in der Industrie.

Für welche Tätigkeit haben Sie sich nach dem Diplom entschieden?

Ich wollte bei Prof. Pierre Buri an der Universität Genf in galenischer Pharmazie promovieren, doch der betreute bereits ein Dutzend Doktoranden – darunter Jean-Luc Salomon, den späteren Ofac-Direktor. Er bat mich um ein Jahr Geduld. Um keine Zeit zu verlieren, nahm ich auf Anraten meines Onkels Kontakt mit dem Zentrallabor für Klinische Chemie des Genfer Universitäts- und Kantonsspitals auf. Wie es der Zufall wollte, wurde mir eine Halbzeitstelle im Bereich medizinische Analysen angeboten. Ich schloss die Uni im Juni 1975 ab und trat im August den Posten des Sektionschefs an. Zu meinem Verantwortungsbereich gehörten Elektrolyte, aber auch Spezialanalysen wie Eisen, Porphyrine oder Nierensteine. Das Aufgabengebiet war sehr breit gefächert und gefiel mir ausserordentlich gut. Wie das Sprichwort sagt: Der Zufall geht Wege, da kommt die Absicht gar nicht hin.

Was war Ihr nächster Schritt auf der Karriereleiter?

Ich nahm weiterhin meine Halbzeittätigkeit im Zentrallabor wahr und begann gleichzeitig eine Fachausbildung in Klinischer Chemie an den Hôpitaux universitaires de Genève (HUG). Zu der Zeit gab es in der Schweiz keinen Ausbildungsgang in Labormedizin, so dass ich mich von Frankreich und der dortigen Assistenzzeit für Pharmazeuten inspirieren liess. Ich baute mir so meine Ausbildung über fünf Jahre hinweg quasi selbst zusammen und eignete mir in den HUG Kenntnisse in Hämatologie, Urinanalyse usw. an. Abgerundet wurde meine «Learning by doing»-Ausbildung durch Kurse in Mikrobiologie am CHUV in Lausanne.

Wurde seither eine geregelte Ausbildung in medizinischer Analytik geschaffen?

Ja. Ende der 80er-Jahre ergriff die FAMH – damals ein Verband privater Labors, der die Interessen freiberuflich tätiger Laborleiter vertrat – die Initiative für die Schaffung einer Postgraduiertenausbildung für die gesamte Schweiz. Dieses FAMH-Diplom konnte monodisziplinär – Hämatologie, klinische Chemie, klinische Immunologie, medizinische Mikrobiologie oder (später) medizinische Genetik – oder pluridisziplinär sein. Ersteres dauerte drei, letzteres fünf Jahre. pharmaSuisse, die in der mit der Ausarbeitung dieses Diplom-Ausbildungsgangs befassten Kommission «Weiterbildung zum Larborleiter» sass, beauftragte mich mit der Vertretung der Pharmazeuten, die ich dann zehn Jahre lang wahrnahm. In dieser Kommission setzte ich mich besonders für eine mindestens fünfjährige Dauer der pluridisziplinären Ausbildung ein, angelehnt an die FMH-Ausbildung für Ärztinnen und Ärzte. Dies war meines Erachtens eine unabdingbare Voraussetzung, um der Qualifikation Glaubwürdigkeit und Anerkennung zu verschaffen – insbesondere auf Seiten der Ärzteschaft. Doch andere Kommissionsmitglieder, namentlich die Chemiker, waren nicht unbedingt auf derselben Wellenlänge.

Hat sich diese FAMH-Ausbildung seit ihrer Einführung weiterentwickelt?

Es gibt immer nach ein kurzes und ein langes Curriculum, doch beide mussten den europäischen Richtlinien angepasst werden, was die multidisziplinäre Ausbildung noch schwieriger gemacht hat. Heute muss man dafür sechs oder sieben Jahre investieren, und die Finanzierung erweist sich oft als kompliziert. Die Folge: Es gibt heute noch wesentlich weniger multidisziplinär ausgebildete Laborleiter als zuvor.

Weshalb orientieren sich so wenige Apotheker in Richtung Labormedizin?

Vor allem deshalb, weil sie diese Berufsperspektive gar nicht kennen. Niemand hat sie ihnen während ihres Studiums wirklich nahe gebracht. Während meiner Laufbahn habe ich mich bemüht, an den Universitäten dafür zu werben – jedoch ohne durchschlagenden Erfolg, wie ich zugeben muss. Das ist bedauerlich, da die Pharmazie meiner Meinung nach die beste Ausbildung darstellt, um ein Labor für medizinische Analysen zu leiten. Unser Curriculum bereitet uns sehr gut auf eine solche Tätigkeit vor – etwa in den Fächern Biologie, Physik usw. – und dann haben wir viel mit diesem Fachbereich zu tun. Sogar Ärzte verfügen nicht über vergleichbare praktische und technische Kenntnisse. Und trotzdem sind die Laborleiter heute vor allem Chemiker, Biologen oder Biochemiker. Man findet unter ihnen nur einige Ärzte – in den privaten Labors mögen es rund zwanzig sein – und noch weniger Pharmazeuten. Wohingegen in Italien, Spanien, Frankreich nur Mediziner oder Pharmazeuten diese Funktion wahrnehmen dürfen. In Deutschland können nur Mediziner Laborleiter werden. Die Schweiz gilt in dieser Hinsicht ein wenig als Aussenseiter.

Gibt es viele Arbeitsplätze?

So viele wie nie. Da viele Laborleiter bald in den Ruhestand gehen werden, wird es an Nachwuchs fehlen, um die Labors zu übernehmen. Es ist ein Beruf, der die Möglichkeit eröffnet, zum Unternehmer mit eigenem Labor zu werden. Die einzige Bedingung besteht im Zugang zu einer geeigneten Finanzierung, denn der Kauf oder die Errichtung eines Labors erfordert hohe Investitionen. Ausserdem gilt es, neben der eigentlichen Tätigkeit im Labor viele Verwaltungs-, Personal- und Managementaufgaben zu erledigen. Man kann sich aber auch für eine gut bezahlte (Voll- oder Teilzeit-)Beschäftigung im Angestelltenverhältnis entscheiden.

Was muss ein frischgebackener Diplom-Pharmazeut tun, der sich für Labormedizin interessiert?

Zuerst gilt es eine Aufnahmeprüfung zu bestehen, in der allgemeine wissenschaftliche Kenntnisse geprüft werden. Bestimmte Stoffbereiche, die im Studium nur überflogen wurden, müssen aufgefrischt, andere etwas vertieft werden, doch diplomierte Pharmazeuten haben den Vorteil, bereits solide Kenntnisse in Biologie, Bakteriologie und Chemie zu besitzen. Ein wenig Vorbereitung vorausgesetzt, sollten sie die Prüfung ohne Weiteres bestehen können. Schwierigerist es da schon, anschliessend einen Praktikumsplatz in einem Labor zu finden. Ich rate dazu, mit der Suche schon zwei Jahre vor dem Studienabschluss zu beginnen und dabei Spitäler, Privatlabore und Institute aufzusuchen, um an ein von der FAMH anerkanntes Praktikum zu gelangen.

Werden die Praktika bezahlt?

Durchaus. Ich habe mich in der FAMH-Kommission dafür eingesetzt, dass die Anwärter für dieses Diplom während ihres Praktikums eine korrekte Entlohnung erhalten. Die entsprechenden Monatsgehälter bewegen sich heute zwischen 5000 und 8000 Franken brutto.

Multidisziplinär oder monodisziplinär? Wozu raten Sie?

Ich rate zu einer multidisziplinären Ausbildung, auch wenn sie länger dauert. Den grössten Teil der Arbeit eines Laborleiters macht die Interpretation der Ergebnisse aus, und wer multidisziplinär ausgebildet ist, hat viele Trümpfe in der Hand, verfügt über einen guten Gesamtüberblick und kann auch die Ärzte besser beraten. Wer sich für einen monodisziplinären Ausbildungsgang entscheidet, sollte meines Erachtens mit der Mikrobiologie beginnen. Das ist die komplexeste Fachrichtung, die jedoch Türen zu anderen Bereichen öffnet.

Zurück zu Ihrem beruflichen Werdegang. Was folgte auf Ihre Station im Zentrallabor des Kantonsspitals?

Ich arbeitete ein Jahr lang in einem Genfer Privatlabor. Im Jahr 1981 eröffnete ich dann das medizinische Labor Pierre- Alain Gras, direkt über der Apotheke meines Onkels. Zwei Jahre später kamen Ärzte des Hôpital de la Tour in Meyrin auf mich zu und fragten, ob ich die Leitung des Labors dieses Privatspitals mit 260 Betten übernehmen wolle. Nachdem ich das Labor zwei Jahre lang in Teilzeit geführt hatte, erwarb ich es, um es mit meinem ersten Labor zu fusionieren. Das war alles andere als eine ruhige Angelegenheit, denn das Hôpital de la Tour hatte sich stark weiterentwickelt, insbesondere in der Herzchirurgie mit Bypass-Operationen, aber auch in der Dialyse oder in der Pädiatrie. Ich musste ein enormes Arbeitspensum bewältigen, um auf dem neusten Stand zu bleiben und zuverlässige Ergebnisse zu liefern. Doch das ist immer der Fall, wenn man ein Unternehmen gründet, was im Übrigen auch für die Offizin-Pharmazie gilt. Nach 15 Jahren entschied ich mich, mein Labor an einen internationalen Konzern zu verkaufen, und übernahm dort die Stelle des Direktors für Kundenkommunikation in der Schweiz. Aufgrund divergierender Ansichten hatte ich diesen Posten jedoch nur kurze Zeit inne.

Sie haben wieder ein Labor aufgemacht?

Schon seit einer Weile war mir klar geworden, dass eine Internetpräsenz absolut notwendig sein würde. Nach gründlichem Überlegen entschied ich mich 2003, die Plattform e-lab.ch zu starten, die es der Ärzteschaft erstmals ermöglichte, Analysen elektronisch in Auftrag zu geben (siehe Kasten). E-lab.ch wurde in der Folge von Unilabs aufgekauft. Das Unternehmen bot mir den Posten des Regionalleiters für die Westschweiz an, den ich zwei Jahre lang innehatte, bevor ich in den Aufsichtsrat berufen wurde. 2011 verliess ich Unilabs, um Strategieberater für ein Genfer Labor zu werden.

Im Hinblick auf die Schaffung eines neuen Produkts?

Ja, im Dezember 2012 schufen wir gemeinsam das Labor TEST SA, ein neues Instrument für die Online-Bestellung biologischer und medizinischer Analysen. An den entsprechenden Gesprächen war auch die Labco-Gruppe beteiligt. Alle an die Ärzte übermittelten Ergebnisse werden in technischer Hinsicht durch Techniker und in biologischer Hinsicht durch mich selbst in meiner Eigenschaft als wissenschaftlicher Leiter des Labors TEST SA validiert. Ich bin ausserdem leitender Laborspezialist FAMH in Teilzeit im Labor Biopath Lab in Lausanne.

Zum Schluss: Müssen sich Ihre Kollegen aus der Offizin-Pharmazie für medizinische Analysen interessieren?

Glucose, Harnstoff, Leberenzyme, Nachweis von Streptokokken im Rachenraum, Schwangerschaftstests – sie können rund 20 biologische Parameter analysieren, ebenso wie Ärzte. Bisher bieten jedoch nur sehr wenige diese Leistung an. Ärzte erwirtschaften mit Analysen einen Umsatz von 500 Millionen, Offizin-Apotheker dagegen nur wenige Millionen. Wenn sie weiterhin kein Interesse zeigen, droht ihnen dieses Tätigkeitsfeld verloren zu gehen. Das wäre schade, auch weil diese Analysen enormes Potenzial in Sachen Prävention besitzen. Die Zahl der Menschen, die an Diabetes oder Niereninsuffizienz leiden, ohne es zu wissen, ist beträchtlich. Die Apotheken müssten sich daher stärker für Früherkennungs Kampagnen engagieren, um nach einem ersten Screening die Betroffenen an einen Arzt verweisen zu können.

Interview: Thierry Philbet
pharmaJournal 16 | 8.2016

 

François Rouiller

 
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François Rouiller führt ein Doppelleben. Im ersten Leben ist er Offizin- und Spitalapotheker, im zweiten Schriftsteller und Illustrator im Genre der Science Fiction. In seinem neuesten Roman spielt ein Medikament die Hauptrolle.

Warum sind Sie Apotheker geworden?

François Rouiller: Als ich jung war, interessierte ich mich vor allem für bildende Kunst, Literatur, Philosophie. Die Berufsaussichten in diesen Bereichen waren aber höchst ungewiss. Da ich nicht unbedingt Lehrer werden wollte, orientierte ich mich Richtung Naturwissenschaften und Medizin, zwei Bereiche, die mich ebenfalls reizten. Schliesslich entschloss ich mich für die Pharmazie, weil sie an der Schnittstelle zwischen Medizin und Chemie steht und auch Gelegenheit bietet, mit Menschen in Kontakt zu treten. Ich habe diese anfänglich rein rationale Entscheidung nie bereut.

Was gefällt Ihnen an diesem Beruf besonders?

In erster Linie die Tatsache, dass ich zunächst während des Studiums und später in meinem Berufsalltag sehr interessante Leute kennenlernte. Ausserdem konnte ich sehr verschiedenartige Aufgaben übernehmen. Ich begann meine Karriere in einer Offizin, zunächst als Vertretung. Später, 1985 eröffnete ich mit meiner Frau, selbst ebenfalls Apothekerin, unsere eigene Offizin in St-Légier-La Chiésaz oberhalb von Vevey. Da es aus finanzieller Sicht etwas riskant war, zu zweit von einer kleinen Offizin abhängig zu sein, ging ich auch in Richtung Spitalpharmazie. Christian Schäli, damals Chefapotheker der Hôpitaux de l’Est Lémanique (PHEL) stellte mich 1988 an. Zunächst waren wir zwei Apotheker; ich hatte ein 20%-Pensum inne. Ich bin immer noch am PHEL, jedoch mittlerweile zu 50% und das Team besteht nun aus 15 Personen, die Pharma-Assistentinnen nicht eingerechnet. Ich habe übrigens beide FPH-Titel, für die Offizin und das Spital.

Welche Funktion erfüllen Sie in der Offizin?

Mein Verantwortungsbereich hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Meine Frau befasst sich mit der betriebswirtschaftlichen Leitung und der Personalführung in der Apotheke. Ich hingegen kümmere mich um die Informatik und den wissenschaftlichen Bereich, um Recherchen oder vertiefte Analysen bestimmter Dossiers. Ich besuche auch regelmässig eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen, ganz in der Nähe unserer Offizin. Wir stellen dort die pharmazeutische Betreuung, die Vorbereitung der Dosetten und das Führen der Patientendossiers sicher. Ausserdem stelle ich natürlich auch Rezepte aus und bin im direkten Kundenkontakt in der Offizin.

Und in der PHEL?

Anfangs hatte ich mit allem zu tun. Im Laufe der Zeit kamen neue Tätigkeiten dazu und ab den 1990er-Jahren führten wir die pharmazeutische Betreuung und die klinische Pharmazie ein. Seit vielen Jahren bin ich auch pharmazeutische Ansprechperson für die Stiftung Rive-neuve, eine kleine, auf Palliativpflege spezialisierte Klinik. Dieser Bereich gehört zu meinen bevorzugten Themen.

Obwohl die Apotheker in diesem Bereich nicht sehr präsent sind?

Das wird sich bald ändern: palliative.ch, die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung, organisiert jedes Jahr eine Konsenskonferenz. Bis vor kurzem nahmen nur Ärzte und Pflegefachleute daran teil. Aber neuerdings werden auch die Apotheker dazu eingeladen, denn es geht immer mehr um Medikamente. Künftig wird sich der Stellenwert der Apotheker in der Palliativpflege zweifellos wandeln.

Haben Sie in der PHEL auch noch andere Aufgaben?

Ja, ich bin auch für die Kommunikation verantwortlich und Mitglied der Arzneimittelkommission, die über die Auswahl der in den von uns betreuten Einrichtungen verfügbaren Spezialitäten entscheidet. Weiter bereite ich die Dossiers für die Kommissionssitzungen vor und informiere danach die Ärzte, Pflegefachleute und Mitarbeitenden der PHEL über die Entscheidungen. Und wie in der Offizin kümmere ich mich auch um die IT und Informationssysteme. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr.

Warum? Ist dieser Bereich zu komplex?

Informatik war lange Zeit eines meiner Steckenpferde. Ich habe gerne eigene Programme für die PHEL entwickelt, aber auch für meine Offizin, doch nach einiger Zeit macht man sich in rein technischer Hinsicht unentbehrlich. Daraus wurde eine Verantwortung, die schwer auf mir lastet und schwer zu delegieren ist. Trotzdem interessiert mich dieser Bereich immer noch.

Gehören Schreiben und Zeichnen auch zu Ihren Leidenschaften?

Der Illustrator und Träumer in mir entstand lange vor dem späteren Apotheker. Meine Grossmutter hatte eine meiner ersten Zeichnungen aufbewahrt. Sie stellte Tiere auf dem Mond dar. Die Weichen waren gestellt … Anfangs schuf ich viel, aber meine Werke eigneten sich weder zu Ausstellungszwecken noch für die Veröffentlichung. Dann fing ich an, für die Zeitung «24 Heures» Chroniken über Science-Fiction zu schreiben. Und ich begann, meine Zeichnungen im Rahmen von Comic-Festivals in der Schweiz und im Ausland auszustellen. Anlässlich des Festivals «Utopiales» in Nantes gefielen dem Verlagshaus «Atalante» meine Illustrationen und mir wurde vorgeschlagen, diese in einem Sammelband zu publizieren – meine erste Veröffentlichung. Danach veröffentlichte ich «Stups & fiction», ein Essay über Drogen und Drogensucht in der Science- Fiction, und danach «100 mots pour voyager en science-fiction», eine etwas eigenartige Enzyklopädie. Dieses Buch erregte eine gewisse Aufmerksamkeit und gewann den «Grand Prix de l’Imaginaire».

Inwiefern beeinflusst Ihr Beruf als Apotheker Ihr literarisches Werk?

Mein literarisches Werk ist einerseits durch meine Phantasie und andererseits durch meine wissenschaftlichen Studien und meinen Beruf inspiriert. In meinen Illustrationen nehme ich übrigens oft auf medizinisch-pharmazeutische Themen Bezug. Ich hinterfrage auch immer wieder die gesellschaftlichen Phänomene rund um psychotrope Substanzen. Sind sie die Antwort auf ein gesellschaftliches Bedürfnis? Wie gehen Menschen im Alltag mit diesen Substanzen um? Warum werden in bestimmten Ländern viel mehr psychotrope Substanzen konsumiert als in anderen? Diese Fragen haben mich schon immer fasziniert. Und wenn man noch weiter geht, fungiert das psychotrope Arzneimittel als Türöffner zum Bewusstsein, der Gehirnaktivität, den Emotionen. Science-Fiction-Autoren benützen Raumschiffe, um den Weltraum zu erkunden, aber man kann auch das innere Universum anhand von mehr oder weniger fiktiven Drogen erkunden.

Wirkstoffe sind also auch guter Stoff für Science-Fiction-Autoren?

Absolut. Wirkstoffe lassen soziale Rückschlüsse auf das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihrer Gesundheit oder allgemein zu Drogen – egal ob zu Genussoder Therapiezwecken – zu. Wirkstoffe laden auch dazu ein, über den Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Wirklichkeit, über psychodelische Halluzinationen, aber auch über den freien Willen nachzudenken.

Welche Geschichte haben Sie sich für Ihr neuestes Werk ausgedacht?

Métaquine® wurde in zwei Bänden veröffentlicht. Ich wollte die Leser nicht mit einem dicken Schinken von 850 Seiten, noch dazu von einem unbekannten Autor, erschrecken. Die Grundidee war die Erfindung des idealen Arzneimittels, das so gut wie alle psychischen Probleme der Menschheit heilt, und zwar mit nur geringsten unerwünschten Wirkungen. Am Anfang der Geschichte ist das Produkt bereits seit mehreren Jahren auf dem Markt, und das Patent von Globantis Pharma, dem Unternehmen, das das Arzneimittel einst entwickelte, läuft demnächst aus. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet fieberhaft daran, neue Indikationen zu finden und neue Absatzmärkte zu erschliessen.

Aber in der Branche ist genau das die Realität!

Wissen Sie, der Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist oft äusserst dünn. Mein Buch sollte ursprünglich «Metakine» heissen. Dieser Titel kam mir einfach so eines Morgens in den Sinn. Ein paar Monate später fiel mir auf, dass es das Anagramm von Ketamin, einem Allgemeinanästhetikum ist. Aber dieses Molekül interessierte mich nicht im Geringsten, als ich anfing die Geschichte zu schreiben. Ein Kapitel des Romans beschreibt, wie Forscher Métaquine® an Mäusen ausprobieren, die durch ein Gen-Knockout künstlich unter Stress gesetzt wurden. Dadurch reagieren sie nicht mehr wie üblich auf Gefahren, werden völlig apathisch; aber unter Métaquine® reagieren sie wieder normal. Und ob Sie mir glauben oder nicht: Ende 2015 berichtete eine US-Publikation von Mäusen, die künstlich unter Stress gesetzt wurden und deren Stress unter Ketamin ebenfalls verschwand. Es folgte eine Diskussion rund um die Möglichkeiten, diesen Wirkstoff gestressten Soldaten zu verabreichen oder Personen, die unter extremen Druck z.B. bei Katastrophen stehen. Ich nehme jedoch an, dass ich mich unterschwellig an wissenschaftliche Publikationen anlehnte, die ich zuvor gelesen hatte. «Mein» Métaquine® ist tatsächlich eine Mischung aus Ketamin, Ritalin und anderen Substanzen.

Was ist die zentrale Idee des Romans?

Ich denke, dass es bei der unbedachten Verwendung bestimmter Psychotropika auch ein bisschen um den Aspekt des «Opiums für das Volk» geht.

Sprechen Sie jetzt als Apotheker oder Schriftsteller?

Beides. Nur weil man fiktive Literatur schreibt, heisst das nicht, dass man wirklichkeitsfremd ist. Science-Fiction zu schreiben bedeutet, immer mit der Realität in Verbindung zu bleiben, deren Grenzen aber ein wenig auszudehnen. Angesichts der Werbung seitens der Hersteller, den Zeitungsartikeln, den auf dem Internet kursierenden Gerüchten, den zuweilen tendenziösen Studien und den unrealistischen Hoffnungen, die manche Kranke auf bestimmte Therapien setzen, ist es besonders schwierig, eine vollständig objektive Sichtweise zu behalten. Wenn beispielsweise die amerikanischen Psychiater alle zwei Jahre ihr Brevier veröffentlichen, stelle ich mir schon gewisse Fragen. Schaffen wir nicht künstlich neue Krankheiten, die dann genau zu bestimmten Therapien passen? Sind wir nicht der Meinung, dass jeder Mensch in der einen oder anderen Weise therapiert werden muss? Gesellschaftliche Übertreibungen dieser Art stelle ich sehr gerne in den Raum. Die wichtigste Botschaft des Buchs ist jene, dass wir angesichts des vielfältigen Druck «von oben» kühlen Kopf und die Kontrolle über unsere eigene Persönlichkeit und ganz allgemein die Übersicht bewahren müssen.

Sie gehen nicht sehr nachsichtig mit der Industrie um.

Das trifft auf den ersten Band durchaus zu. Aber es ist ja nicht das Medikament an sich, das ich thematisiere, sondern seine Instrumentalisierung zugunsten finanzieller Aspekte. Diese Realität können wir nicht wirklich leugnen. Die Patienten wissen gar nicht, dass eine bestimmte Anwendung einer Therapie zunächst durch die auf Ärzte ausgerichtete Propaganda der Hersteller bedingt sein kann. Es ist also sinnvoll, gegenüber kursierenden Geschichten etwas skeptisch zu sein. Ohne jedoch die Patienten zu destabilisieren und ihnen eine Paranoia einzureden. Und genau hier setzt die wichtige Rolle des Apothekers an. Man muss die Dinge nuanciert betrachten können.

Zumal Sie ja gerne in die Zukunft schauen: Glauben Sie, dass die Pille, die glücklich, genial und intelligent macht, irgendwann erfunden wird?

Das glaube ich nicht und vor allem wünsche ich es uns allen nicht. Wenn wir irgendwann dank der Fortschritte insbesondere in den Neurowissenschaften eine Reihe von Mitteln zur Verfügung haben, die den Menschen in jeder Beziehung perfekt, d.h. glücklicher, leistungsfähiger und quasi unsterblich machen, inwiefern bleiben wir dann noch menschlich? Dieser Funke Individualismus, Kreativität und Unzulänglichkeit, der unsere wahre Natur ausmacht, darf nicht ausgelöscht werden. Ich bin immer für gewisse Fortschritte der Wissenschaft, aber wir können nicht alle unsere Probleme mit Mitteln lösen, die nicht aus unserem Inneren kommen, Prothesen gleich, die unseren unzulänglichen Organismus unterstützen. In dem Moment, in dem man versucht, gegen die Natur zu arbeiten, muss man moralische Entscheidungen treffen, und die Diskussion wird notwendigerweise ideologisch und politisch. Ausserdem müssten wir, um das zu erreichen, auf jeden Fall Opfer bringen, die unsere Freiheit einschränken. Ausgelöst durch meinen Roman stellt sich mir die Frage des freien Willens, diesem letzten bisschen Freiheit, das uns noch bleibt in einer Welt, in der wir in allen möglichen Belangen konditioniert werden sollen.

Apotheker erbringen im Alltag kleine Heldentaten, ohne dass dies an die grosse Glocke gehängt wird. Können sie für Autoren eine Quelle der Inspiration sein?

Natürlich ist das weniger «sichtbar», als wenn ein Arzt oder ein Polizist ein Menschenleben rettet. Aber man könnte sich durchaus vorstellen, dass ein Apotheker oder eine Apothekerin im Stil der aktuellen Trends von TV-Serien einmal als eine Art Sherlock Holmes des Gesundheitswesens dargestellt wird. Eine ganze Reihe von erstaunlichen Anekdoten zu Arzneimitteln kommen mir in den Sinn und diese könnten durchaus einmal im Rahmen eines fiktiven Werkes verwertet werden. In beinahe allen Romanen von Philip K. Dick, meinem bevorzugten Science-Fiction-Autor, sind die Helden eben keine Superhelden mit übermenschlichen Kräften. Oft sind es ganz normale Leute. Er will eben die kleinen Zahnräder einer Gesellschaft zur Geltung bringen. Wenn ich eines Tages eine Apothekerin oder einen Apotheker inszeniere, wird sie oder er ganz sicher kein Superheld mit Cape sein, sondern jemand, der in seinem Bereich wirkt und so letztendlich die Welt weiter bringt als jede Superwoman oder jeder Superman.

Interview: Thierry Philbet
pharmaJournal 25 | 12.2016

 

Yvan Giroud

 
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Yvan Giroud beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit Plasmaprodukten. Nach mehreren Funktionen im Bereich Qualitätssicherung hat er sich vor vier Jahren dem Team «Primary packaging and devices» von CSL Behring angeschlossen. Ein Wechsel, der ihn näher an die Anliegen der Patienten – und damit der Apotheker – heranbringt.

Was hat Sie bewogen, Pharmazeut zu werden?

Ich habe mich schon immer für wissenschaftliche Fragen interessiert und daher auch eine naturwissenschaftliche Matura abgelegt. Im Rahmen der Studienberatung am Gymnasium hatte ich Gelegenheit, das galenische Labor der Firma Vifor in Villars-sur-Glâne zu besichtigen. Ich wusste sofort: Das könnte etwas für mich sein. Durch die Wahl des Pharmaziestudiums konnte ich mich an der Schnittstelle zwischen den Naturwissenschaften und der Medizin positionieren, die mich ebenfalls faszinierte. Und auch der Kontakt mit Menschen zog mich an.

Wo haben Sie studiert?

Ich habe das Studium in Fribourg begonnen und 1990 in Lausanne abgeschlossen. Von Beginn an interessierte ich mich sehr für die Herstellung. Direkt nach meiner Dissertation bewarb ich mich bei Vifor um eine Stelle in der galenischen Entwicklung. Diesen Job hat jedoch einer meiner Freunde bekommen. Doch kurze Zeit später bekam ich eine Zusage vom ZLB, das mittlerweile vom australischen Biopharmazie-Unternehmen CSL Limited übernommen worden ist. Ich hatte die Stellenanzeige in der Schweizer Apothekerzeitung gelesen, ohne viel über den Arbeitgeber zu wissen. Es handelte sich um das Zentrallabor des Blutspendedienstes des Roten Kreuzes, ein regelrechtes pharmazeutisches Unternehmen, mit Sitz in Bern.

Wie gestaltete sich Ihre erste Anstellung?

Das damalige ZLB, heute die CSL Behring AG, stellt Plasmaprodukte her. Am Standort Bern isolieren und reinigen wir insbesondere Immunglobuline. Diese Produkte werden zur Behandlung seltener Krankheiten wie zum Beispiel primärer Immundefekte oder des Guillain-Barré- Syndroms eingesetzt. Wir stellen ausserdem Albumin für die Notfallmedizin her. In meiner ersten Zeit im Unternehmen wirkte ich an der Entwicklung der Gruppe mit, die mit der Freigabe des Blutplasmas als Rohstoff für unsere Produkte betraut ist. Die Funktion war klar administrativ orientiert. Ich muss gestehen, dass mir die Entscheidung nicht leicht gefallen ist: Mit der Annahme des Jobs kehrte ich quasi dem Labor- und Entwicklungsbereich, der mich eigentlich mehr interessierte, den Rücken zu. Aber auch die Arbeit mit Blutprodukten weckte meine Neugier, handelt es sich doch um ein medizinisches Fachgebiet – also stürzte ich mich ins Abenteuer.

Sie hatten also keinerlei Erfahrung?

Zum Glück hatte mein Chef, ebenfalls Pharmazeut, ein umfassendes Schulungsprogramm für mich vorbereitet. Ich konnte alle Abteilungen des Hauses kennenlernen, angefangen bei der Blutspende. Bereits in meiner zweiten Arbeitswoche begleitete ich ein mobiles Team zu einer Blutspendeaktion in einem Dorf im Freiburgerland. Ich konnte mich mit den Verfahren der Spenderauswahl vertraut machen, mit Qualitätsfragen bezüglich der Blutentnahme und des Bluttransports, den Verfahren, mit denen das Plasma von den roten Blutkörperchen getrennt wird, den Tests für das Screening jeder Blutspende auf Infektionskrankheiten. Danach durfte ich in verschiedene Bereiche der Herstellung hineinschnuppern, um zu erfahren, wie aus dem Plasma die Zwischenprodukte entstehen. Was meine täglichen Aufgaben betrifft, war ich im Wesentlichen auf «Learning by doing» angewiesen. In einem so hoch spezialisierten Bereich kann man nicht auf Bewerber warten, die bereits über umfassende Erfahrung mit Plasmaprodukten verfügen.

Welche Aufgaben hatten Sie genau?

Wir mussten die von den Blutspendeund Plasmazentren erstellte Dokumentation kontrollieren und uns vergewissern, dass jede angelieferte Plasmaeinheit unseren Spezifikationen entsprach. Insbesondere musste verifiziert werden, dass die Standard-Screeningtests auf HIV sowie Hepatitis C und B durchgeführt worden waren und negativ zertifiziert waren. Alles muss rückverfolgbar sein – Lieferscheine, Nummer des Kartons, Spendennummer usw. –, um im Zweifelsfall den Weg vom Spender bis zur Produktcharge, in der sein Plasma verarbeitet wurde, nachzeichnen zu können.

Lastete damals ein grosser Druck auf Ihnen?

Es handelte sich tatsächlich um eine etwas exponierte Stelle, die ich innehatte, weil der Skandal um kontaminierte Blutkonserven allen noch in Erinnerung war. Zudem begann die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit von sich reden zu machen. Dies hat uns viele Jahre lang beschäftigt, es gab einige Chargenrückrufe, hauptsächlich wegen unterschiedlicher Vorschriften in den verschiedenen Ländern. Bestimmte Länder, allen voran die Vereinigten Staaten, benahmen sich etwas überempfindlich, als die Diskussion um Krankheiten begann, die mit Prionen zu tun haben: Aus Sorge, diese könnten aus Europa eingeschleppt werden, wurden nämlich äusserst strenge Ausschlusskriterien eingeführt.

Was war Ihre nächste berufliche Station?

Nach sieben Jahren, davon fünf als Gruppenleiter, nahm ich fünf Jahre lang eine Funktion als Experte im Bereich Plasmaqualität wahr. Ich war dafür verantwortlich, mit unseren Plasmalieferanten Vereinbarungen über die diesbezüglichen Spezifikationen, sprich Qualitätsanforderungen, zu treffen. Ich hatte Gelegenheit, Qualitätsaudits in zahlreichen Blutspendezentren in Deutschland, den USA und Polen durchzuführen. Es war eine spannende Zeit, in der ich in mehreren Arbeitsgruppen im Rahmen der «Plasma Protein Therapeutics Association» (PPTA), der Interessenvertretung der Hersteller von Plasmaderivaten, mitarbeiten konnte. Ausserdem kam ich in Kontakt mit Kollegen, die in anderen Unternehmen ähnliche Aufgaben wahrnahmen.

Und dann?

Ich kehrte zurück in den operativen Bereich, diesmal aber am anderen Ende der Kette: Ich leitete fünf Jahre lang eine Gruppe, deren Aufgabe es war, die Endprodukte freizugeben. Das Team bestand aus sieben Personen, allesamt Akademiker. Meine direkte Vorgesetzte war Pharmazeutin, die anderen Kollegen waren Biologen und Biochemiker. Wiederum handelte es sich um eine administrative Funktion, bei der es galt, die von unserem Unternehmen für jede Charge erstellten Zertifikate auf die Einhaltung der Spezifikationen zu prüfen, aber auch die Herstellungsprotokolle hinsichtlich der Beachtung der GMP Normen – also der guten Herstellungspraxis –, um schliesslich zur formellen Freigabe der Chargen zu gelangen. Eine anspruchsvolle Arbeit, bei der es sehr auf Genauigkeit ankam und die manchmal unter einem gewissem Druck verrichtet werden musste. Die den Kunden zugesagte Lieferfrist musste auch dann eingehalten werden, wenn es bei der Herstellung zu Verzögerungen gekommen war. Das konnte zu einem Problem werden, wenn wir auf Unregelmässigkeiten stiessen und die Freigabe einer Charge aufgrund der benötigten Untersuchungen nicht planmässig durchführen konnten. Auf der anderen Seite erwartete man genau das von uns: Sich nämlich in Sachen Qualität niemals vom Geschäfts- oder Produktionsbetrieb oder Fragen des Marketings beeinflussen zu lassen.

Wie ging es mit Ihrer Karriere innerhalb des Unternehmens weiter?

Nachdem ich fünfzehn Jahre im Bereich der Qualitätssicherung tätig gewesen war, stiess ich vor vier Jahren zum Bereich Forschung & Entwicklung – für mich die grösste Veränderung. In einem kleinen Team von zwei Pharmazeuten und einer Biologin, dessen Aufgabenbereich bei uns «Primary packaging and devices» heisst, arbeiten wir an der Evaluation und Prüfung neuer Primärpackmittel und Medizinprodukte, die zusammen mit unseren Produkten verwendet werden könnten. Unter den Begriff der Primärpackmittel fällt alles, was mit dem Endprodukt in Berührung kommt: Flaschen und Verschlüsse oder auch Fertigspritzen. Bevor zum Beispiel ein neuer Gummistopfen für die Routine Produktion eingesetzt werden kann, müssen wir uns vergewissern, dass daraus keine toxischen Stoffe freigesetzt werden, dass die Gummiformulierung mit unseren Produkten kompatibel ist und der Verschluss die Flaschen, die wir verwenden, garantiert dicht verschliesst, denn alle unsere Produkte sind steril. Am Ende dieser Prüfungen steht die Freigabe (oder Nicht-Freigabe) für die Verwendung im Rahmen der serienmässigen Produktion.

Empfinden Sie es als frustrierend, nicht direkt an den Wirkstoffen arbeiten zu können?

Nein, überhaupt nicht. Meine jetzige Tätigkeit hat mir eine ganz neue Welt eröffnet. Zudem bin ich heute näher am klassischen Apothekerberuf dran als je zuvor. Während meiner Zeit in der Qualitätssicherung spielte es kaum eine Rolle, ob ich Pharmazeut war oder nicht. Ich verlor die Nähe zur Pharmazie und zur Welt der Apotheker und musste feststellen, dass meine Kenntnisse im Bereich der reinen Pharmazie nach und nach verloren gingen. Bei meiner jetzigen Stelle habe ich mich den Patienten, das heisst der Anwendung von Medikamenten durch die Patienten – und damit dem, worum sich Apothekerinnen und Apotheker tagtäglich kümmern – wieder stärker angenähert. Darüber bin ich froh.

Sind Sie häufig unterwegs?

Weniger als früher. Aber während der Zeit, in der ich die Funktion «QA Support» wahrnahm, hatte ich genug Gelegenheit zu reisen, an Kongressen oder FDA Konferenzen teilzunehmen. Ich durfte ausserdem einige Vorträge selbst halten, so etwa in den USA und in Dänemark. Es war eine ereignisreiche Zeit, aber nicht immer einfach mit dem Familienleben unter einen Hut zu bringen.

Braucht es für eine Tätigkeit in der Industrie besondere Qualifikationen?

Was mir am Anfang meiner Laufbahn am meisten gefehlt hat, waren solide Kenntnisse im Bereich Good Manufacturing Practice. Sicher, während des Studiums wurde diese Thematik gestreift – aber ein paar Stunden Theorie, ohne Bezug zur Praxis, reichen nicht aus. Von meiner ersten Anstellung an wurde ich immer wieder gleich zu Beginn damit konfrontiert, und während meiner Jahre in der Qualitätssicherung kam ich mit allen möglichen Aspekten der GMP in Berührung: Audits, Organisation der Produktfreigabe, Ausnahmeregelungen, Beanstandungen von Kunden, Qualitätsvereinbarungen mit unseren Partnern und so weiter. Alles muss bis ins kleinste Detail und äusserst minutiös dokumentiert werden. Darauf war ich in keiner Weise vorbereitet. Ich glaube, dass sich seitdem aber ein bisschen etwas getan hat, was das Studium anbelangt. Das hoffe ich jedenfalls. Auch zu wissen, wie man ein Projekt leitet, kann von Vorteil sein, wenn man in der Industrie arbeiten will. Das Profil eines «Projektmanagers» ist nicht unbedingt nötig – ausser man hat es mit Grossprojekten zu tun –, aber ein Problem analysieren, eine Planung erstellen, Fristen im Auge behalten, den Kontakt mit internen und externen Projektpartnern aufnehmen, das sollte man schon können. Meiner Meinung nach kann man beim Schreiben einer Dissertation einiges über Projektmanagement und selbständiges Arbeiten lernen. Ein Grund, warum sich das ZLB damals für mich entschieden hat, lag auch darin, dass ich nicht nur Pharmazeut war, sondern darüber hinaus eine Doktorarbeit vorgelegt hatte. Das hat am Ende den Ausschlag gegeben.

Wie viele Pharmazeutinnen und Pharmazeuten arbeiten bei CSL Behring in der Schweiz?

Am Standort Bern sind zehn bis fünfzehn Pharmazeutinnen und Pharmazeuten beschäftigt – von insgesamt 1500 Mitarbeitenden. Sie sind in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig: zwei oder drei in der pharmazeutischen Entwicklung, eine Pharmazeutin ist Leiterin «Commercial Development» in der Sparte Immunglobuline, ein oder zwei Kollegen arbeiten in der Produktion, etwa in verantwortlicher Funktion an der Abfüll- oder Produktionslinie, ein bis zwei sind in der Qualitätssicherung tätig, andere im Marketing. Ein paar Pharmazeutinnen und Pharmazeuten arbeiten auch im Bereich Regulatory Affairs, aber viel weniger als früher. Und nicht zuletzt ist der Chef der Berner Niederlassung von CSL Behring – seit 1. Juli Direktionspräsident des neuen im Aufbau befindlichen Standorts CSL Behring Recombinant Facility in Lengnau (BE) – ebenfalls seines Zeichens Apotheker. Das zeigt, wie breit gefächert unser Beruf ist. Man muss sich beruflich in die Richtung weiterentwickeln, in der man sich wohlfühlt.

Interview: Thierry Philbet
pharmaJournal 21 | 10.2016

 

Ursula Steineberg

 
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Mit 75 Jahren ist Ursula Steineberg die älteste Delegierte bei pharmaSuisse.
Ins Auge sticht weniger ihr Alter als ihr ungebrochenes Engagement für ein
Metier, das sie bis vor kurzem noch an vorderster Front praktiziert hat. Ein
Gespräch über einen Berufsalltag, der für die Ostschweizerin trotz tiefgreifendem
Wandel im Gesundheitswesen nichts an Faszination eingebüsst hat.

Wieso haben Sie sich als junge Frau dafür entschieden, Pharmazie zu studieren?

Ursula Steineberg: Im Alter von 18 Jahren wusste ich schlichtweg nicht, welchen Pfad ich beruflich einschlagen sollte. Ich mochte Geschichte und Literatur ebenso wie Chemie und Physik. Dabei war mir klar, dass ich meinen Wissensdurst in literarischer und geschichtlicher Hinsicht Zeit meines Lebens selber stillen könnte, ein Selbststudium in den Naturwissenschaften aber nicht zielführend sein würde. Ich holte mir damals bei meinem Paten Rat – Albert Hofmann, seines Zeichens Chemiker und Entdecker von LSD. Er riet mir zur Pharmazie; rückblickend lag er damit goldrichtig, denn ich mag Menschen und hatte schon immer eine Vorliebe für Botanik und Chemie. In der Folge durfte ich in Solothurn in einer Apotheke schnuppern – Arbeitsmilieu und Tätigkeitsfeld in der Offizin haben mir auf Anhieb gefallen.

Welches waren rückblickend die wichtigsten Erfahrungen, die Sie während des Studiums gemacht haben?

Das eineinhalbjährige Praktikum, wie es zu meiner Zeit mitten im Studium vorgesehen war, bescherte mir einen wichtigen Einblick in mein zukünftiges Berufsfeld. Wir konnten selber wählen, wie wir diese Assistenzzeit absolvieren wollten unter der Auflage, dass die Hälfte davon in einer öffentlichen Apotheke stattzufinden hatte. Ich entschied mich für einen Einsatz im Bürgerspital Basel, wo ich die schönste Zeit als angehende Pharmazeutin zubrachte: Meine Kenntnisse in Botanik konnte ich ebenso vertiefen wie meine Fertigkeiten in der Galenik. Beim nachfolgenden Praktikum in einer Offizin lernte ich viel bezüglich Kundenkontakt. Dank dieses Einsatzes konnte ich während des weiteren Studiums auch Vertretungen wahrnehmen. Heute gestaltet sich das Studium anders. Schade finde ich, dass diese Zäsur in der Mitte, bzw. die Einbettung der Praxis zwischen zwei theoretischen Blöcken, nicht mehr vorhanden ist.

Welche beruflichen Optionen zogen Sie nach dem Studium in Erwägung?

Für mich war schon früh klar, dass ich als Erstes eine Familie gründen und danach wieder in den Beruf einsteigen wollte. Während dieser beruflichen Auszeit besuchte ich aber laufend Fortbildungen und studierte die Dokumente, die mir diverse Firmen zukommen liessen. Als die Kinder grösser wurden, nahm ich zuerst Vertretungen wahr und war in der Folge während rund zehn Jahren an einer Apotheke beteiligt. In dieser Funktion schätzte ich, dass meine Kreativität gefragt war und sich das Wirkungsfeld erweiterte. Bis Ende September arbeitete ich noch in einer Offizin, immer jedoch im Bestreben, keinesfalls einer jüngeren Fachkraft den Platz wegzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt werde ich Ferien- oder
Krankheitsvertretungen wahrnehmen.

Wie gestaltete sich der Übergang von der Universität in die Offizin?

Für mich hat es sich ausbezahlt, mich laufend weiterzubilden. Das war zu meiner Zeit nicht üblich, nach dem Diplom hielten es die meisten nicht für notwendig, ihr Wissen à jour zu halten und zu erweitern. Mir ist dieser Übergang leicht gefallen, aber im Studium ist die Funktion in der Apotheke ganz klar zu kurz gekommen. Dem Menschlichen, bzw. den in einer Offizin erforderlichen Sozialkompetenzen, wurde kein Platz eingeräumt, was von Grund auf falsch ist. Der Umgang mit Kunden und Mitarbeitenden ist am wichtigsten im Alltag einer Apothekerin. Eine Wissenslücke, die sich meist an Ort und Stelle dank entsprechender Dokumentation schliessen lässt, verzeihen Kunden einem Apotheker, schlechte Umgangsformen jedoch nicht, so meine Erfahrung. Geschätzt an meiner Zeit in der Offizin habe ich die Dankbarkeit der Kunden für gute Beratung wie auch das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass die Apotheke die erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen ist.

Gab es auch Erfahrungen unerfreulicher Natur?

Beim Umgang von Vorgesetzten mit Mitarbeitenden lag vieles im Argen. Früher war das Hierarchiedenken relativ ausgeprägt. Ich hoffe, dass sich dies heute zum Besseren gewendet hat. Doch ich habe meine Lehre aus schlechten Umgangsformen gezogen und versucht, dies anders zu handhaben, denn die Mitarbeitenden sind doch das wichtigste Kapital überhaupt.

Wie hat sich der Alltag in der Offizin in den letzten Dekaden verändert?

Die Kompetenzen sind heute weitreichender als bei meinem Berufseintritt; ich freue mich für die jüngere Generation, dass Impfen und die Behandlung einfacher Erkrankungen zu ihrem Berufsalltag gehören. Damit wird die Tätigkeit in der Offizin aber auch anspruchsvoller und es braucht Zeit und finanzielle Ressourcen, um solch neue Kompetenzen zu erwerben. Erfreulich finde ich auch, dass wir heute von der Politik wahrgenommen werden und sich der Kontakt zu den Ärzten verbessert hat.

Sie engagieren sich immer noch als Delegierte des Kantonalverbandes bei pharmaSuisse. Was treibt Sie an?

Ich möchte die Zukunft mitgestalten. Neue Werkzeuge wie netCare oder die pharmAcademy eröffnen grosse Chancen. Gleichzeitig ist es betrüblich zu sehen, wie viele Apotheken rote Zahlen schreiben. Die Frage nach dem Wieso gilt es zu klären. Es ist mir auch ein Anliegen, dass wir als Apotheken gegen aussen Einigkeit demonstrieren. Dies beginnt beim Kreuz, das als Statement zu sehen ist. Es darf nicht sein, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht, zum Beispiel beim Qualitätssicherungssystem.

Auch am diesjährigen FIP-Kongress in Düsseldorf sind Sie wieder anzutreffen.

Bei solch grenzüberschreitenden Veranstaltungen lassen sich andere Systeme erkunden. Dabei wird mir immer auch bewusst, wie gut unser eigenes Modell ist, und wie wir auf hohem Niveau jammern. Wir können uns in vielen Bereichen auch an anderen orientieren – der Austausch mit Berufskollegen aus der ganzen Welt erweitert den Horizont und lässt neue Ideen gedeihen. Ich bedaure einzig, dass nicht mehr junge Berufsleute diesem Anlass beiwohnen.

Welche Tipps würden Sie Ihrem Patenkind geben, das sich für die Pharmazie interessiert?

Dieses Studium führt zu einem spannenden Beruf, der sich auch gut mit dem Familienleben vereinbaren lässt. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen.

Interview: Tanja Aebli
pharmaJournal 20 | 10.2015

 

Manfred Fankhauser

 
manfred fankhauser

Manfred Fankhauser ist der einzige Apotheker in der Schweiz, der selber Cannabis anbaut und daraus Hanfmedikamente herstellt. Die Bahnhof- Apotheke in Langnau, deren Inhaber er ist, stellt für viele, teils schwerkranke Patienten den letzten Rettungsanker dar. Ihnen verhilft das Kraut oft zu einer neuen Lebensqualität – von einem Wundermittel jedoch will der umtriebige Apotheker im Emmental nicht sprechen.

Worauf geht Ihre Faszination für Cannabis zurück?

Manfred Fankhauser: Das naturwissenschaftliche Interesse an Pflanzen war bei mir schon sehr früh ausgeprägt. Nach dem Studium wollte ich meine Dissertation ohne an einen Laborplatz gebunden zu sein verfassen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Apotheke tätig war und auch Notfalldienste absolvierte. Mein Doktorvater, der Pharmaziehistoriker François Ledermann, schlug mir vor, den Fokus auf Hanf zu legen. Meine ersten Recherchen zeigten, dass dazu viel Literatur existiert, jedoch vor allem im Bereich Rauschmittel und weniger in pharmazeutischen Belangen.

Gab es einen Schlüsselmoment während Ihrer Dissertation?

Als ich mit der Dissertation begann, flammte das Thema Cannabis in der Medizin wieder auf, vor allem als 1988 die Cannabinoid-Rezeptoren entdeckt wurden. Wegen der anhaltenden Illegalität konsumierten damals viele Patienten Cannabis im Verborgenen. Als Ansprechperson in der Schweiz der im 1997 in Deutschland gegründeten Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin erhielt ich viele Anfragen von Patienten, interessierten Ärzten und Selbsthilfeorganisationen. Ich tauchte so immer stärker ins Thema ein und wollte deshalb prüfen, ob sich die medizinische Verwendung von Cannabis auf eine rechtlich seriöse Basis stellen liesse.

Wie hat Cannabis schliesslich Einzug in Ihre Apotheke erhalten?

Jemand anderes hätte vermutlich zuerst Abklärungen zur Rentabilität vorgenommen, wir jedoch starteten vor acht Jahren ganz ohne Businessplan. Unser Antrieb war der hohe Leidensdruck seitens der Patienten. Schon nur für die erforderlichen Abklärungen und die Bewilligung mussten wir gegen 20 000 Franken aufbringen. Mittlerweile macht der Umsatz mit unseren Cannabisprodukten fast 20 Prozent aus – Tendenz steigend. Wir könnten aber auch weiterhin überleben, wenn dieses Standbein wegfallen würde.

Für Cannabis-Produkte ist Werbung untersagt. Aus welchen Quellen erfahren die Kunden von Ihrem Angebot?

Im 2007, als wir damit begannen, Dronabinol-Tropfen abzugeben, wurden wir vor allem von Patienten kontaktiert, die in Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen waren. Heute suchen uns viele Kunden aufgrund von Empfehlungen aus ihrem Umfeld auf, die intensive Medienberichterstattung verhalf ebenfalls dazu, unsere Produkte bekannter zu machen. Insbesondere seit der Zulassung von Sativex vor eineinhalb Jahren geht die Initiative nun auch von den Ärzten selbst aus, die sich zuvor beim Verschreiben sehr zögerlich gezeigt hatten. Mittlerweile setzt kaum noch jemand die Cannabis-Produkte aus unserem Sortiment mit Rauschmitteln gleich; die Dosierung ist in der Regel auch viel zu gering, als dass Rauschzustände herbeigeführt werden könnten. Ebenso hat das Internet einen grossen Einfluss auf die Informationslage und die zunehmende Verlagerung der Nachfrage von der Patientenauf die Ärzteseite.

Im 2013 ist Sativex registriert worden. Wie hat sich dies auf Ihre Tätigkeit ausgewirkt?

Der Sativex-Spray kann ohne spezielle Bewilligung als normales Betäubungsmittel verschrieben werden, aber nur für Patienten mit Multipler Sklerose. Es handelt sich quasi um das Pendant zu unserer Tinktur in Tropfenform. Zuerst hatten wir gewisse Bedenken, dass wir mit Sativex etliche Patienten verlieren würden. Das ist nicht eingetreten, da viele Patienten die Tropfen dem Spray vorziehen. Dank Sativex liessen sich bei Skeptikern Zweifel auszuräumen, wonach die Produkte zu wenig erforscht seien.

Für Anfragen bezüglich Cannabis-Produkten haben Sie eigens eine Telefonlinie eingerichtet: Wie gross ist der Aufwand insgesamt, um auf Anliegen der Kunden einzugehen?

Im Bereich Information und Aufklärung ist der Aufwand sehr gross. Wir erhalten viele Anfragen aus dem Ausland oder von Personen, die sich unverbindlich informieren wollen und nie zu unseren Kunden gehören werden. Vielleicht hat diesbezüglich mein Apothekerherz obsiegt: Mir ist es ein Anliegen, dass ein jeder seine Informationen erhält. Manchmal zerschlagen sich auch Hoffnungen, denn Cannabis eignet sich nicht für alle Beschwerden – es gibt immer wieder Kunden, die unsere Apotheke enttäuscht verlassen. Auch die Beratung der Patienten während einer Therapie ist intensiv; dieser Aufwand muss in Form einer Mischrechnung im Preis des Produktes Niederschlag finden.

Wie kommen Sie mit der steigenden Nachfrage klar?

Im Moment bin ich zusammen mit drei Praxis-Assistentinnen für die Arbeiten rund um Cannabis zuständig, wir haben auch spezielle Räumlichkeiten hierfür geschaffen. Unser Netzwerk wächst relativ kontinuierlich. Mittlerweile stammen viele Verschreibungen auch aus Universitätskliniken. Im Moment betreuen wir zwischen 500 bis 600 Patienten. In den acht Jahren seit wir Cannabisprodukte verkaufen, haben wir ungefähr 1600 Patienten mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen begleitet. Viele davon kontaktieren uns wegen Fragen zu den Medikamenten, weshalb ich alleine die Betreuung und Versorgung nicht mehr bewältigen könnte. Die Betreuung delegieren die Ärzte nach der Ausstellung eines Rezeptes häufig an uns, weil wir diesbezüglich viel Erfahrung haben. Unsere Aufgabe ist es, Fragen der Dosierung, Verträglichkeit und Kombination mit andern Medikamenten zu klären. Bis die richtige Dosierung festgelegt ist, dauert es meistens eine gewisse Zeit.

Wie läuft eine klassische Beratung ab?

Am Anfang steht die Kontaktaufnahme des Patienten per Telefon oder E-Mail. Bei rund einem Drittel der etwa viertelstündlichen Gespräche stellt sich heraus, dass sich Cannabis zur Behandlung nicht eignet. Den andern stellen wir weitere Unterlagen zu, die über das weitere Vorgehen, ärztliche Verschreibung und Kosten informieren. Dann sucht der Patient den Arzt auf, der uns in der Folge kontaktiert. Der administrative Aufwand für den Arzt beläuft sich auf eine halbe Stunde. Neben der Einverständniserklärung des Patienten muss er eine Kostengutsprache anfordern. In der Praxis sieht es so aus, dass die Anwendung häufig während eines Monats getestet wird. Erst wenn sie sich bewährt und sich ein Nutzen zeigt, wird die Krankenkasse kontaktiert.
Nach Einreichen des Antrags ans BAG dauert es 7 bis 10 Tage bis die Verfügung eintrifft. Wenn das Rezept bei uns eingegangen ist, stellen wir dem Patienten das Medikament eingeschrieben per Post zu – auch hier sind bestimmte Auflagen einzuhalten. Nach einer Woche gelangen die Patienten meist mit vielen Fragen an uns; manchmal schlägt das Medikament auch nicht an.

Was ist der Unterschied zu anderen rezeptpflichtigen Medikamenten bei der Abgabe?

Der Aufwand für die Betreuung ist enorm. Doch gerade diese Betreuung ist das A und O für das Gelingen einer Therapie. Kommt hinzu: Viele unserer Patienten sind gesundheitlich schwer angeschlagen und austherapiert. Bei diesen Leuten ist das Bedürfnis sich mitzuteilen gross; sie haben viele Fragen und Ängste – ein Stück weit wirken wir auch als Seelsorger, zumal wir oftmals ihre letzte Hoffnung sind. Dies muss einem liegen. Ich glaube nicht, dass man in diesem Gebiet tätig sein kann, wenn der Fokus nur auf der Rendite liegt. Was die Bereitstellung der Medikamente anbelangt, könnten wir die zehnfache Menge des jetzigen Angebots anbieten, doch die Betreuung liesse sich nicht mehr sicherstellen.

Auch die finanziellen Hürden scheinen hoch zu sein.

In der Tat. Die Krankenkasse ist nicht verpflichtet, die Produkte zu zahlen. Etwa bei zwei Drittel der Patienten wird die Behandlung übernommen, manchmal jedoch nur teilweise. Aber die Kosten sind und bleiben ein Problem. Gewisse Patienten haben Mühe, die Cannabisprodukte zu bezahlen. Bei schwer leidenden Patienten kommt die Frage der Solvenz bei mir erst an zweiter oder dritter Stelle. In solchen Fällen warte ich nicht die Kostengutsprache der Krankenkasse ab. Es ist eine eigentliche Gradwanderung: Einerseits möchte ich jedem helfen, andererseits sollte das Geschäft auch rentieren.

Wieso ist es in der Schweiz untersagt, Cannabiskraut zu verordnen?

In Deutschland ist dies in Ausnahmefällen möglich. Es handelt sich um 300 bis 400 Patienten. Dieses Anliegen findet beim BAG aber kein Gehör. Ich bin auch gespalten, weil das Rauchen die Trennung zwischen Cannabis als Medizin und als Rauschmittel gefährdet.

Inwiefern hat sich diese Fokussierung auf Cannabis auf Ihre Rolle als Apotheker ausgewirkt?

Wir konnten uns mit der Herstellung und Abgabe von Cannabis-Produkten ein Spezialistentum erarbeiten und sind heute Ansprechpartner für viele Patienten, Organisationen, Universitätskliniken und -professoren. Meistens ist eine Apotheke eher ausführend tätig; mit dem Einzug von Cannabis in unsere Apotheke haben sich die Verhältnisse quasi gekehrt. Meine Funktion als Apotheker wird ernst genommen und geschätzt, was jedoch auch verpflichtet, die neusten Studien zu kennen und mit verlässlichen Angaben aufzuwarten. Das ist nicht ganz einfach, da ich gleichzeitig auch eine Apotheke zu führen habe.

Sie stehen häufig in Kontakt mit schwerkranken Patienten. Wie gehen Sie mit dieser Belastung um?

Es braucht sicher eine gewisse Abgrenzung, was nicht immer leicht ist. Mit Sport, Freizeit, Musik und Abenden in guter Gesellschaft sorge ich regelmässig für Auszeiten.

Interview: Tanja Aebli
pharmaJournal 24 | 11.2015

 
 

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Thierry Philbet

Chefredaktor pharmaJournal

Abteilung Kommunikation

T +41 (0)31 978 58 27

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