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Swiss Summit of Pharmacy Leaders: Gentests in der Apotheke

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Der letzte Swiss Summit of Pharmacy Leaders (SSPL) fand am 14. März 2019 im Kursaal in Bern statt und befasste sich mit dem Thema «Gentests in der Apotheke».
Die Tagung begann mit einer Begrüssung durch den pharmaSuisse Präsidenten Fabian Vaucher. Er erklärte den ca. 50 Delegierten und Gäste den Stand der Dinge punkto Genetik in der Apotheke und zeigte kurz den Ablauf des Tages auf. Der Auftrag war klar formuliert: Welche Rolle nehmen Apotheken ein im Spannungsfeld zwischen der Kundennachfrage und dem Marktangebot auf der einen Seite und der verfügbaren Evidenz und klinischem Nutzen auf der anderen Seite? Können Gentests in hochwertige Serviceleistungen in der Apotheke integriert und angeboten werden? Als Vorbereitung auf den SSPL haben alle Teilnehmenden zwei im@il-Artikel zu den Themen «Nicht-medizinische Gentests in der Apotheke» sowie «Pharmakogenetik- eine Übersicht» als Lektüre erhalten. Sie erhielten ausserdem eine erste Version des von pharmaSuisse erstellten Konzepts zu Gentests in der Apotheke zu Händen des BAG.

Nach der Einführung begann Dr. Nadine Keller vom BAG sogleich mit einem ersten Referat zum Thema «Gentests in der Apotheke – Was ändert sich mit dem neuen Gesetz?». Das revidierte Bundesgesetz über genetische Untersuchungen am Menschen (GUMG) sieht neben der Ärzteschaft neu auch andere «vom Bundesrat zu bestimmende Fachpersonen» vor, die eine genetische Untersuchung im medizinischen Bereich (z.B. pharmakogenetischer Test) veranlassen können. Hier möchten die Apotheker ansetzen. Zudem erläuterte Dr. Keller als wichtige Erneuerung die Aufnahme von genetischen Untersuchungen ausserhalb des medizinischen Bereichs. Diese werden je nach Art und Zweck noch aufgeteilt in Tests mit besonders schützenswerten Eigenschaften (z.B. Ahnenforschung, Stoffwechselrate oder sportliche Veranlagung) und übrige Tests, welche in erster Linie dem Infotainment dienen (z.B. Haarfarbe). Diese Aufteilung erschien vielen der Teilnehmenden unklar und schwierig umsetzbar. Kritisch diskutiert wurden auch die Testangebote, welche online und im Ausland verfügbar sind.

Nach der Kaffeepause ging es weiter mit dem Vortrag «Genetische Untersuchungen im medizinischen Bereich – nicht pharmakogenetisch und nicht pharmakomonetisch!» von Prof. Andreas R. Huber vom Kantonsspital Aarau, welcher auch Mitglied der Expertenkommission für genetische Untersuchungen am Menschen (GUMEK) ist. Der Vortrag thematisierte insbesondere die bisher bekannten genetischen Krankheiten und deren Diagnostik. Prof. Huber betonte dabei immer wieder, was für ein rasanter Fortschritt in diesem Forschungsbereich in den letzten Jahren stattgefunden hat und dass deshalb das nötige Fachwissen unerlässlich sei. Gleich darauf folgte Prof. Theodor Dingermann von der Universität Frankfurt. Sein Referat «Pharmakogenetik in der Apotheke» stand ganz im Kontrast zu seinem vorhergehenden Referenten, wie er gleich zu Beginn klarstellte. Als Pharmazeut machte er uns mit der sogenannten Arzneimitteldiagnostik (pre-emptive genetic testing) vertraut und zeigte anhand einiger Beispiele auf, was eine Standarddosis bei unterschiedlich metabolisierenden Patienten für (fatale) Konsequenzen haben kann. Er ist überzeugt, den Patienten mit einem pharmakogenetischen Test eine personalisierte Therapie zu ermöglichen und ging sogar so weit, zu behaupten, dass es unethisch sei, einem Patienten einen solchen Test vorzuenthalten. Vor der Mittagspause schloss Prof. Nicole Probst-Hensch vom SwissTPH und ebenfalls Mitglied der GUMEK die Vortragsreihe mit ihrem Referat «Genetische Epidemiologie komplexer Phänotypen» ab. Dabei ging sie nochmals vertieft auf die klinische Anwendbarkeit von genetischen Tests für komplexe Krankheiten ein, u.a. auch Direct-to-Consumer Testing. Ihr Fazit: Grünes Licht für die Erforschung von Krankheitsrisiken, gelbes Licht für Risikovoraussagen und rotes Licht – also aktuell nicht zu empfehlen – zur Veränderung von Verhalten und Lebensstil.

Beim anschliessenden Stehlunch konnten sich die Teilnehmenden mit den Referierenden vom Vormittag ausgiebig zum Thema austauschen.

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Am Nachmittag führte Dr. Samuel Allemann durch einen Workshop in Form eines World Cafés. Dazu wurden die Teilnehmenden bereits im Voraus in verschiedene Gruppen zu «Finanzierung», «Rahmenbedingungen», «Infrastruktur» und «Befähigung» eingeteilt. Pro Themenbereich gab es drei Runden mit verschiedenen Fragestellungen, nämlich 1. Was gibt es für Bedürfnisse / Probleme / Herausforderungen?, 2. Was für Massnahmen können ergriffen werden?, und 3. Wer trägt die Verantwortung für die Umsetzung?. Nach jeweils 15-20 Minuten konnten die Teilnehmer für die nächste Frage in eine andere Gruppe wechseln und so die Inputs zwischen den Teilnehmenden und Themenbereichen vernetzen. Pro Gruppe gab es jeweils einen Gastgeber, welcher am Tisch blieb, um die Neuankömmlinge über die vorher besprochenen Punkte aufzuklären. So entstanden sehr angeregte Diskussionen zwischen den Teilnehmern zu den verschiedenen Themenbereichen. Nach Ablauf der letzten Runde hielten die jeweiligen Gruppen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken zum Thema «Gentests in der Apotheke» in einer SWOT-Analyse fest.

Während sich die Teilnehmenden in der verdienten Kaffeepause von der intensiven Denkarbeit erholten, nutzten die Organisatoren die Gelegenheit, um Diskussionen der einzelnen Gruppen zusammenzutragen.

Anschliessend wurden alle Punkte (Bedürfnisse, Massnahmen und Verantwortlichkeiten) zu jedem Themenbereich zusammengefasst. Das Gesamtbild zeigte: Gentests sollen in der Apotheke als Dienstleistung angeboten werden können, vor allem im Bereich Pharmakogenetik. Es gibt jedoch noch Herausforderungen auf dem Weg zu hochwertigen Angeboten. Die Hauptdiskussionspunkte dazu waren die Notwendigkeit von Pilotprojekten sowie Erfahrungsgruppen in einem ersten Schritt. Weiter braucht es für die Etablierung in der Apotheke bereits zeitnah konkrete Businessmodelle, denn die neue Dienstleistung soll nicht umsonst angeboten werden.

Schlussendlich fassten Fabian Vaucher und Marcel Mesnil die SWOT-Analysen zusammen. Genannte Stärken der Apotheke beinhalteten das persönliche Patientenverhältnis, der einfache Zugang sowie die Medikamente als Kernkompetenz der Apotheke. Im Gegensatz dazu wurden der fehlende Pioniergeist, personelle und zeitliche Ressourcen und falsches Bild (Verkäufer statt Dienstleistungserbringer) des Apothekers als Schwachpunkte aufgezählt. Als Chance sieht man die rückläufige Anzahl an Hausärzte, das elektronische Patientendossier und auch die Positionierung in einem interprofessionellen Netzwerk. Das Thema der Genetik bietet ausserdem eine Chance, einerseits für den Apotheker sich zu profilieren und andererseits für die Universitäten, sich in einem Themenbereich des Curriculums in die gleiche Richtung zu bewegen. Schlussendlich wurden die Ethik, der Datenschutz, und die Angst des Apothekers vor Komplexität und Hürden, welche Gentests mit sich bringen, als Risiken erachtet.

Zum Schluss dankte Fabian Vaucher allen Teilnehmenden und schloss die Tagung mit einem kurzen Ausblick: pharmaSuisse wird die Ergebnisse der SSPL als Input für die Erarbeitung eines öffentlichen Positionspapier verwenden und sich weiterhin dafür einsetzen, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Veranlassung von Gentests in der Apotheke diese Vision ermöglichen. Zusammen mit innovativen Pilotapotheken und Gruppierungen, aber auch Versicherern und Testanbietern sind wir gefordert, Erfahrungen zu sammeln und auszutauschen mit dem Ziel eine neue Dienstleistung mit funktionierendem Businessmodell zu entwickeln. Gleichzeitig müssen gemeinsam mit Universitäten und Weiterbildnern Angebote entstehen, um die benötigten Kompetenzen zu vermitteln. Mit vereinten Kräften wird es somit beim geplanten Inkrafttreten der Verordnungen zum revidierten Bundesgesetz im 2021 möglich, auch pharmakogenetische Gentests in der Apotheke zum Wohle der Gesundheit der Bevölkerung zu veranlassen.

 
 

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