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swissYPG Symposium 2019: Onkologika – neue Therapien, neue Herausforderungen

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Am 24. Mai 2019 fand in Bern die sechste Ausgabe des swissYPG Symposiums statt. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen und Beratungsmöglichkeiten neuer, oraler Onkologika. Durch die zunehmend ambulante Therapie werden ApothekerInnen, Pflegefachpersonen, HausärztInnen und PsychologInnen mit neuen Fragestellungen zu Dosierungen, Interaktionen, Umgang mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Ängsten in Bezug auf die Krebserkrankung konfrontiert. Wie wir als interprofessionelles Team unsere Patienten vom Zeitpunkt der Diagnose, über die Wahl bis hin zur Umsetzung der Therapie optimal betreuen können, diskutierten die rund 90 TeilnehmerInnen im interprofessionellen Rahmen.

 

Eröffnet wurde der Anlass von Frau Irène Bachmann-Mettler, Präsidentin der Onkologiepflege Schweiz, und Dr. Rolf Marti, Leiter Forschung, Innovation und Entwicklung und Mitglied der Geschäftsleitung der Krebsliga Schweiz.

 

„Ich habe Krebs“

 

Zu Beginn des Krankheitsgeschehens steht die Konfrontation mit der Diagnose. Astrid Grossert-Leugger, Psycho-Onkologin am Universitätsspital Basel, erklärt: „Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen sind existentielle Ängste bei Krebspatienten oft real und angemessen.“ Die Patienten werden mit körperlichen Beschwerden, familiären Belastungen und sozialen und finanziellen Sorgen konfrontiert. Hier bietet die Psychoonkologie im Gespräch eine gezielte Beratung. Sie begleitet in einer Krisensituation und interveniert bei schweren Belastungen auf psychotherapeutischer Ebene.

Als ApothekerIn ist die eigene Rollenklärung wichtig: Wo stehe ich im Helfer-Gefüge und was sind meine Möglichkeiten und Grenzen in Bezug auf die (psychologische) Unterstützung? Zielführend ist eine empathische und wertschätzende Haltung. Patienten und Angehörige können über www.psychoonkologie.ch, Tumorzentren in der Nähe oder die regionale Krebsliga auf die psychoonkologischen Betreuungs- und Überweisungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht werden. Anzeichen auf Suizidgefährdung müssen ernst genommen werden, bei konkreten Absichten ist Hilfe aufzubieten: über eine Vertrauensperson, die Akutambulanz in der Nähe, über den Notfalldienst von Spitälern oder das Sorgentelefon „Die Dargebotene Hand“.

 

Neue Therapiemöglichkeiten

 

Ein Update zu den neuen Therapiestrategien beim Ovarial-, Mamma- und Nierenzellkarzinom erhielten die TeilnehmerInnen durch Dr. Markus Vetter, Leitender Arzt Medizinische Onkologie am Universitätsspital Basel.

Beim epithelialen Ovarialkarzinom mit BRCA-Mutation können PARP-Inhibitoren wie Olaparib und Niraparib das progressionsfreie Überleben der Patientinnen verlängern (nachzulesen in der Studie 19, J. Ledermann, The Lancet Oncology 2014). Poly(ADP-ribose)-Polymerasen (PARP) sind an der Reparatur von Einzelstrang-DNA-Brüchen beteiligt. Durch Inhibition von PARP entstehen DNA-Doppelstrangbrüche, welche in Tumoren mit unvollständigem homologem Rekombinationsmechanismus (z.B. durch Mutationen im BRCA 1- oder BRCA 2-Gen) nicht repariert werden können und dadurch zum Zelltod führen.

Im Falle des aggressiven triple-negativen Mammakarzinoms (TNBC) zeigt die Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren positive Resultate. In Kombination mit weiteren Therapien wie Chemotherapie kann das progressionsfreie Überleben von TNBC-Patientinnen verlängert werden (nachzulesen in der Studie Atezolizumab and nab-Paclitaxel in advanced triple-negative breast cancer, P. Schmid et. al., New England Journal of Medicine 2018). Tumorzellen nutzen die Checkpoint-Singalwege zu ihrem Vorteil, um Angriffen des Immunsystems zu entgehen. Durch Blockierung inhibitorischer Checkpoints wie PD-1/PD-L1 oder CTLA-4 wird das Tumorgewebe wieder von T-Zellen erkannt.

Gemäss den ESMO-Guidelines 2019 ist die Kombinationstherapie bestehend aus den Immuncheckpoint-Inhibitoren Nivolumab und Ipilimumab beim klarzelligen Nierenzellkarzinom mit mittlerer bis schlechter Prognose bereits Standardtherapie.

 

Das ABC einer guten Beratung

 

Ist die medikamentöse Therapie festgelegt, erscheint der Patient im Falle einer oralen Medikation in der Apotheke. Simone Widmer-Hungerbühler, Apothekerin und onkologische Pharmazeutin DGOP, erklärte die Grundlagen einer guten Beratungspraxis mit den Pfeilern A, Förderung der Adhärenz, B, der ganzheitlichen Beratung, und C, der Wahrnehmung, Beurteilung und Therapie von Clinical Symptoms. Die Adhärenz kann durch Aufklärung über die Einnahmemodalitäten, die möglichen unerwünschten Arznemittelwirkungen und durch das Angebot individueller Supportivmassnahmen gefördert werden. Auf www.oraletumortherapie.ch sind hierzu hilfreiche Patientenbroschüren zu verschiedenen Onkologika verfügbar.

Die Prüfung auf Interaktionen der Tumortherapie mit OTC-Produkten, Phytotherapeutika und der bestehenden Medikation ist unabdingbar. Auch Nahrungsmitteleffekte sind zwingend zu berücksichtigen.

Ein onkologischer Notfall stellt die febrile Neutropenie (Granulozyten < 500/ µL, Fieber > 38°C) dar. Sie kann zur Sepsis führen. Die Mortalität liegt bei 11%. Fieber bei onkologischen Patienten ist somit ein Red flag und eine Überweisung zum Onkologen zwingend.

 

PatientInnen, nicht Patente schützen

 

Innovative Krebstherapien verleihen ihren Erfindern dank Patentschutz ein Monopol, welches die Medikamentenpreise in schwindelerregende Höhen treibt. Patrick Durisch, Health Policy Experte bei Public Eye, stellte die Kampagne „PatientInnen, nicht Patente schützen“ von Public Eye vor, welche dieser Entwicklung entgegenwirken will. Eines ihrer Hauptanliegen ist die Nutzung von Zwangslizenzen. Hierbei handelt es sich um eine durch den Staat an eine Drittpartei vergebene Lizenz auf ein patentgeschütztes Produkt für einen spezifischen geografischen Markt. Sie ermöglicht es Generikafirmen, trotz Patentschutz günstigere Medikamente herzustellen und sie während einer definierten Zeit im zugesprochenen Land zu vertreiben. Der Patentinhaber wird entschädigt (Royalties). Zwangslizenzen sind durch schweizerisches und internationales Recht anerkannt.

 

Management von Dermatologischen Reaktionen

 

Dermatologische Reaktionen unter Onkologika sind häufig und stellen eine grosse Belastung für die Patienten dar. Cornelia Kern Fürer, Fachexpertin Onkologiepflege, erklärt, wie wichtig eine frühzeitige Schulung der Patienten zur Basispflege von Haut, Schleimhäuten, Haaren und Nägeln ist. Das Festlegen von therapeutischen Massnahmen gemeinsam mit dem Patienten helfen, die Häufigkeit und den Schweregrad dermatologischer Reaktionen zu reduzieren. Die Onkologiepflege Schweiz erstellt dazu Patientenbroschüren, Produktempfehlungen und Arzneimitteltabellen, sowie Assessments zur Beurteilung des Schweregrads dermatologischer Reaktionen.

Eine häufige Nebenwirkung von Tyrosinkinaseinhibitoren ist die Hand-Fuss-Reaktion. Sie ist definiert als eine erythematöse Hautveränderung an den Handinnenflächen und/oder Fusssohlen aufgrund einer immunologischen Reaktion durch zielgerichtete Antitumortherapien. Zur Therapie können je nach Schweregrad Ureahaltige Salben, Salicylvaseline, antiseptische Bäder und/oder topische Kortikosteroide eingesetzt werden.

 

Relevanz für die Praxis

 

Die Inputs der Referenten wurden in Workshopgruppen anhand von Fallbeispielen mit Verordnungen für Afatinib, Enzalutamid und Tamoxifen näher betrachtet. Dies beinhaltete die Rezeptvalidierung, das Erkennen von Optimierungsmöglichkeiten, sowie eine umfassende Beratung bezüglich Einnahmemodalitäten und dem Management der unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Die Patienten-Merkblätter der Onkologiepflege Schweiz erwiesen sich als hilfreich.

 

Auch das sechste  swissYPG-Symposium bot eine wichtige Plattform für den Austausch und die Vernetzung junger ApothekerInnen mit erfahrenen BerufskollegInnen und weiteren Gesundheitsfachpersonen. Nur als starkes, interprofessionelles Team können wir dem Anspruch unserer Patienten an eine ganzheitliche Therapie Folge leisten.