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Beruf und Bildung

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Françios Rouiller

François Rouiller führt ein Doppelleben. Im ersten Leben ist er Offizin- und Spitalapotheker, im zweiten Schriftsteller und Illustrator im Genre der Science Fiction. In seinem neuesten Roman spielt ein Medikament die Hauptrolle.

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Warum sind Sie Apotheker geworden?

François Rouiller: Als ich jung war, interessierte ich mich vor allem für bildende Kunst, Literatur, Philosophie. Die Berufsaussichten in diesen Bereichen waren aber höchst ungewiss. Da ich nicht unbedingt Lehrer werden wollte, orientierte ich mich Richtung Naturwissenschaften und Medizin, zwei Bereiche, die mich ebenfalls reizten. Schliesslich entschloss ich mich für die Pharmazie, weil sie an der Schnittstelle zwischen Medizin und Chemie steht und auch Gelegenheit bietet, mit Menschen in Kontakt zu treten. Ich habe diese anfänglich rein rationale Entscheidung nie bereut.

Was gefällt Ihnen an diesem Beruf besonders?

In erster Linie die Tatsache, dass ich zunächst während des Studiums und später in meinem Berufsalltag sehr interessante Leute kennenlernte. Ausserdem konnte ich sehr verschiedenartige Aufgaben übernehmen. Ich begann meine Karriere in einer Offizin, zunächst als Vertretung. Später, 1985 eröffnete ich mit meiner Frau, selbst ebenfalls Apothekerin, unsere eigene Offizin in St-Légier-La Chiésaz oberhalb von Vevey. Da es aus finanzieller Sicht etwas riskant war, zu zweit von einer kleinen Offizin abhängig zu sein, ging ich auch in Richtung Spitalpharmazie. Christian Schäli, damals Chefapotheker der Hôpitaux de l’Est Lémanique (PHEL) stellte mich 1988 an. Zunächst waren wir zwei Apotheker; ich hatte ein 20%-Pensum inne. Ich bin immer noch am PHEL, jedoch mittlerweile zu 50% und das Team besteht nun aus 15 Personen, die Pharma-Assistentinnen nicht eingerechnet. Ich habe übrigens beide FPH-Titel, für die Offizin und das Spital.

Welche Funktion erfüllen Sie in der Offizin?

Mein Verantwortungsbereich hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Meine Frau befasst sich mit der betriebswirtschaftlichen Leitung und der Personalführung in der Apotheke. Ich hingegen kümmere mich um die Informatik und den wissenschaftlichen Bereich, um Recherchen oder vertiefte Analysen bestimmter Dossiers. Ich besuche auch regelmässig eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen, ganz in der Nähe unserer Offizin. Wir stellen dort die pharmazeutische Betreuung, die Vorbereitung der Dosetten und das Führen der Patientendossiers sicher. Ausserdem stelle ich natürlich auch Rezepte aus und bin im direkten Kundenkontakt in der Offizin.

Und in der PHEL?

Anfangs hatte ich mit allem zu tun. Im Laufe der Zeit kamen neue Tätigkeiten dazu und ab den 1990er-Jahren führten wir die pharmazeutische Betreuung und die klinische Pharmazie ein. Seit vielen Jahren bin ich auch pharmazeutische Ansprechperson für die Stiftung Rive-neuve, eine kleine, auf Palliativpflege spezialisierte Klinik. Dieser Bereich gehört zu meinen bevorzugten Themen.

Obwohl die Apotheker in diesem Bereich nicht sehr präsent sind?

Das wird sich bald ändern: palliative.ch, die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung, organisiert jedes Jahr eine Konsenskonferenz. Bis vor kurzem nahmen nur Ärzte und Pflegefachleute daran teil. Aber neuerdings werden auch die Apotheker dazu eingeladen, denn es geht immer mehr um Medikamente. Künftig wird sich der Stellenwert der Apotheker in der Palliativpflege zweifellos wandeln.

Haben Sie in der PHEL auch noch andere Aufgaben?

Ja, ich bin auch für die Kommunikation verantwortlich und Mitglied der Arzneimittelkommission, die über die Auswahl der in den von uns betreuten Einrichtungen verfügbaren Spezialitäten entscheidet. Weiter bereite ich die Dossiers für die Kommissionssitzungen vor und informiere danach die Ärzte, Pflegefachleute und Mitarbeitenden der PHEL über die Entscheidungen. Und wie in der Offizin kümmere ich mich auch um die IT und Informationssysteme. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr.

Warum? Ist dieser Bereich zu komplex?

Informatik war lange Zeit eines meiner Steckenpferde. Ich habe gerne eigene Programme für die PHEL entwickelt, aber auch für meine Offizin, doch nach einiger Zeit macht man sich in rein technischer Hinsicht unentbehrlich. Daraus wurde eine Verantwortung, die schwer auf mir lastet und schwer zu delegieren ist. Trotzdem interessiert mich dieser Bereich immer noch.

Gehören Schreiben und Zeichnen auch zu Ihren Leidenschaften?

Der Illustrator und Träumer in mir entstand lange vor dem späteren Apotheker. Meine Grossmutter hatte eine meiner ersten Zeichnungen aufbewahrt. Sie stellte Tiere auf dem Mond dar. Die Weichen waren gestellt … Anfangs schuf ich viel, aber meine Werke eigneten sich weder zu Ausstellungszwecken noch für die Veröffentlichung. Dann fing ich an, für die Zeitung «24 Heures» Chroniken über Science-Fiction zu schreiben. Und ich begann, meine Zeichnungen im Rahmen von Comic-Festivals in der Schweiz und im Ausland auszustellen. Anlässlich des Festivals «Utopiales» in Nantes gefielen dem Verlagshaus «Atalante» meine Illustrationen und mir wurde vorgeschlagen, diese in einem Sammelband zu publizieren – meine erste Veröffentlichung. Danach veröffentlichte ich «Stups & fiction», ein Essay über Drogen und Drogensucht in der Science- Fiction, und danach «100 mots pour voyager en science-fiction», eine etwas eigenartige Enzyklopädie. Dieses Buch erregte eine gewisse Aufmerksamkeit und gewann den «Grand Prix de l’Imaginaire».

Inwiefern beeinflusst Ihr Beruf als Apotheker Ihr literarisches Werk?

Mein literarisches Werk ist einerseits durch meine Phantasie und andererseits durch meine wissenschaftlichen Studien und meinen Beruf inspiriert. In meinen Illustrationen nehme ich übrigens oft auf medizinisch-pharmazeutische Themen Bezug. Ich hinterfrage auch immer wieder die gesellschaftlichen Phänomene rund um psychotrope Substanzen. Sind sie die Antwort auf ein gesellschaftliches Bedürfnis? Wie gehen Menschen im Alltag mit diesen Substanzen um? Warum werden in bestimmten Ländern viel mehr psychotrope Substanzen konsumiert als in anderen? Diese Fragen haben mich schon immer fasziniert. Und wenn man noch weiter geht, fungiert das psychotrope Arzneimittel als Türöffner zum Bewusstsein, der Gehirnaktivität, den Emotionen. Science-Fiction-Autoren benützen Raumschiffe, um den Weltraum zu erkunden, aber man kann auch das innere Universum anhand von mehr oder weniger fiktiven Drogen erkunden.

Wirkstoffe sind also auch guter Stoff für Science-Fiction-Autoren?

Absolut. Wirkstoffe lassen soziale Rückschlüsse auf das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihrer Gesundheit oder allgemein zu Drogen – egal ob zu Genussoder Therapiezwecken – zu. Wirkstoffe laden auch dazu ein, über den Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Wirklichkeit, über psychodelische Halluzinationen, aber auch über den freien Willen nachzudenken.

Welche Geschichte haben Sie sich für Ihr neuestes Werk ausgedacht?

Métaquine® wurde in zwei Bänden veröffentlicht. Ich wollte die Leser nicht mit einem dicken Schinken von 850 Seiten, noch dazu von einem unbekannten Autor, erschrecken. Die Grundidee war die Erfindung des idealen Arzneimittels, das so gut wie alle psychischen Probleme der Menschheit heilt, und zwar mit nur geringsten unerwünschten Wirkungen. Am Anfang der Geschichte ist das Produkt bereits seit mehreren Jahren auf dem Markt, und das Patent von Globantis Pharma, dem Unternehmen, das das Arzneimittel einst entwickelte, läuft demnächst aus. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet fieberhaft daran, neue Indikationen zu finden und neue Absatzmärkte zu erschliessen.

Aber in der Branche ist genau das die Realität!

Wissen Sie, der Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist oft äusserst dünn. Mein Buch sollte ursprünglich «Metakine» heissen. Dieser Titel kam mir einfach so eines Morgens in den Sinn. Ein paar Monate später fiel mir auf, dass es das Anagramm von Ketamin, einem Allgemeinanästhetikum ist. Aber dieses Molekül interessierte mich nicht im Geringsten, als ich anfing die Geschichte zu schreiben. Ein Kapitel des Romans beschreibt, wie Forscher Métaquine® an Mäusen ausprobieren, die durch ein Gen-Knockout künstlich unter Stress gesetzt wurden. Dadurch reagieren sie nicht mehr wie üblich auf Gefahren, werden völlig apathisch; aber unter Métaquine® reagieren sie wieder normal. Und ob Sie mir glauben oder nicht: Ende 2015 berichtete eine US-Publikation von Mäusen, die künstlich unter Stress gesetzt wurden und deren Stress unter Ketamin ebenfalls verschwand. Es folgte eine Diskussion rund um die Möglichkeiten, diesen Wirkstoff gestressten Soldaten zu verabreichen oder Personen, die unter extremen Druck z.B. bei Katastrophen stehen. Ich nehme jedoch an, dass ich mich unterschwellig an wissenschaftliche Publikationen anlehnte, die ich zuvor gelesen hatte. «Mein» Métaquine® ist tatsächlich eine Mischung aus Ketamin, Ritalin und anderen Substanzen.

Was ist die zentrale Idee des Romans?

Ich denke, dass es bei der unbedachten Verwendung bestimmter Psychotropika auch ein bisschen um den Aspekt des «Opiums für das Volk» geht.

Sprechen Sie jetzt als Apotheker oder Schriftsteller?

Beides. Nur weil man fiktive Literatur schreibt, heisst das nicht, dass man wirklichkeitsfremd ist. Science-Fiction zu schreiben bedeutet, immer mit der Realität in Verbindung zu bleiben, deren Grenzen aber ein wenig auszudehnen. Angesichts der Werbung seitens der Hersteller, den Zeitungsartikeln, den auf dem Internet kursierenden Gerüchten, den zuweilen tendenziösen Studien und den unrealistischen Hoffnungen, die manche Kranke auf bestimmte Therapien setzen, ist es besonders schwierig, eine vollständig objektive Sichtweise zu behalten. Wenn beispielsweise die amerikanischen Psychiater alle zwei Jahre ihr Brevier veröffentlichen, stelle ich mir schon gewisse Fragen. Schaffen wir nicht künstlich neue Krankheiten, die dann genau zu bestimmten Therapien passen? Sind wir nicht der Meinung, dass jeder Mensch in der einen oder anderen Weise therapiert werden muss? Gesellschaftliche Übertreibungen dieser Art stelle ich sehr gerne in den Raum. Die wichtigste Botschaft des Buchs ist jene, dass wir angesichts des vielfältigen Druck «von oben» kühlen Kopf und die Kontrolle über unsere eigene Persönlichkeit und ganz allgemein die Übersicht bewahren müssen.

Sie gehen nicht sehr nachsichtig mit der Industrie um.

Das trifft auf den ersten Band durchaus zu. Aber es ist ja nicht das Medikament an sich, das ich thematisiere, sondern seine Instrumentalisierung zugunsten finanzieller Aspekte. Diese Realität können wir nicht wirklich leugnen. Die Patienten wissen gar nicht, dass eine bestimmte Anwendung einer Therapie zunächst durch die auf Ärzte ausgerichtete Propaganda der Hersteller bedingt sein kann. Es ist also sinnvoll, gegenüber kursierenden Geschichten etwas skeptisch zu sein. Ohne jedoch die Patienten zu destabilisieren und ihnen eine Paranoia einzureden. Und genau hier setzt die wichtige Rolle des Apothekers an. Man muss die Dinge nuanciert betrachten können.

Zumal Sie ja gerne in die Zukunft schauen: Glauben Sie, dass die Pille, die glücklich, genial und intelligent macht, irgendwann erfunden wird?

Das glaube ich nicht und vor allem wünsche ich es uns allen nicht. Wenn wir irgendwann dank der Fortschritte insbesondere in den Neurowissenschaften eine Reihe von Mitteln zur Verfügung haben, die den Menschen in jeder Beziehung perfekt, d.h. glücklicher, leistungsfähiger und quasi unsterblich machen, inwiefern bleiben wir dann noch menschlich? Dieser Funke Individualismus, Kreativität und Unzulänglichkeit, der unsere wahre Natur ausmacht, darf nicht ausgelöscht werden. Ich bin immer für gewisse Fortschritte der Wissenschaft, aber wir können nicht alle unsere Probleme mit Mitteln lösen, die nicht aus unserem Inneren kommen, Prothesen gleich, die unseren unzulänglichen Organismus unterstützen. In dem Moment, in dem man versucht, gegen die Natur zu arbeiten, muss man moralische Entscheidungen treffen, und die Diskussion wird notwendigerweise ideologisch und politisch. Ausserdem müssten wir, um das zu erreichen, auf jeden Fall Opfer bringen, die unsere Freiheit einschränken. Ausgelöst durch meinen Roman stellt sich mir die Frage des freien Willens, diesem letzten bisschen Freiheit, das uns noch bleibt in einer Welt, in der wir in allen möglichen Belangen konditioniert werden sollen.

Apotheker erbringen im Alltag kleine Heldentaten, ohne dass dies an die grosse Glocke gehängt wird. Können sie für Autoren eine Quelle der Inspiration sein?

Natürlich ist das weniger «sichtbar», als wenn ein Arzt oder ein Polizist ein Menschenleben rettet. Aber man könnte sich durchaus vorstellen, dass ein Apotheker oder eine Apothekerin im Stil der aktuellen Trends von TV-Serien einmal als eine Art Sherlock Holmes des Gesundheitswesens dargestellt wird. Eine ganze Reihe von erstaunlichen Anekdoten zu Arzneimitteln kommen mir in den Sinn und diese könnten durchaus einmal im Rahmen eines fiktiven Werkes verwertet werden. In beinahe allen Romanen von Philip K. Dick, meinem bevorzugten Science-Fiction-Autor, sind die Helden eben keine Superhelden mit übermenschlichen Kräften. Oft sind es ganz normale Leute. Er will eben die kleinen Zahnräder einer Gesellschaft zur Geltung bringen. Wenn ich eines Tages eine Apothekerin oder einen Apotheker inszeniere, wird sie oder er ganz sicher kein Superheld mit Cape sein, sondern jemand, der in seinem Bereich wirkt und so letztendlich die Welt weiter bringt als jede Superwoman oder jeder Superman.

Interview: Thierry Philbet
pharmaJournal 25 | 12.2016