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Manfred Fankhauser

Manfred Fankhauser ist der einzige Apotheker in der Schweiz, der selber Cannabis anbaut und daraus Hanfmedikamente herstellt. Die Bahnhof- Apotheke in Langnau, deren Inhaber er ist, stellt für viele, teils schwerkranke Patienten den letzten Rettungsanker dar. Ihnen verhilft das Kraut oft zu einer neuen Lebensqualität – von einem Wundermittel jedoch will der umtriebige Apotheker im Emmental nicht sprechen.

manfred fankhauser
 

Worauf geht Ihre Faszination für Cannabis zurück?

Manfred Fankhauser: Das naturwissenschaftliche Interesse an Pflanzen war bei mir schon sehr früh ausgeprägt. Nach dem Studium wollte ich meine Dissertation ohne an einen Laborplatz gebunden zu sein verfassen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Apotheke tätig war und auch Notfalldienste absolvierte. Mein Doktorvater, der Pharmaziehistoriker François Ledermann, schlug mir vor, den Fokus auf Hanf zu legen. Meine ersten Recherchen zeigten, dass dazu viel Literatur existiert, jedoch vor allem im Bereich Rauschmittel und weniger in pharmazeutischen Belangen.

Gab es einen Schlüsselmoment während Ihrer Dissertation?

Als ich mit der Dissertation begann, flammte das Thema Cannabis in der Medizin wieder auf, vor allem als 1988 die Cannabinoid-Rezeptoren entdeckt wurden. Wegen der anhaltenden Illegalität konsumierten damals viele Patienten Cannabis im Verborgenen. Als Ansprechperson in der Schweiz der im 1997 in Deutschland gegründeten Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin erhielt ich viele Anfragen von Patienten, interessierten Ärzten und Selbsthilfeorganisationen. Ich tauchte so immer stärker ins Thema ein und wollte deshalb prüfen, ob sich die medizinische Verwendung von Cannabis auf eine rechtlich seriöse Basis stellen liesse.

Wie hat Cannabis schliesslich Einzug in Ihre Apotheke erhalten?

Jemand anderes hätte vermutlich zuerst Abklärungen zur Rentabilität vorgenommen, wir jedoch starteten vor acht Jahren ganz ohne Businessplan. Unser Antrieb war der hohe Leidensdruck seitens der Patienten. Schon nur für die erforderlichen Abklärungen und die Bewilligung mussten wir gegen 20 000 Franken aufbringen. Mittlerweile macht der Umsatz mit unseren Cannabisprodukten fast 20 Prozent aus – Tendenz steigend. Wir könnten aber auch weiterhin überleben, wenn dieses Standbein wegfallen würde.

Für Cannabis-Produkte ist Werbung untersagt. Aus welchen Quellen erfahren die Kunden von Ihrem Angebot?

Im 2007, als wir damit begannen, Dronabinol-Tropfen abzugeben, wurden wir vor allem von Patienten kontaktiert, die in Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen waren. Heute suchen uns viele Kunden aufgrund von Empfehlungen aus ihrem Umfeld auf, die intensive Medienberichterstattung verhalf ebenfalls dazu, unsere Produkte bekannter zu machen. Insbesondere seit der Zulassung von Sativex vor eineinhalb Jahren geht die Initiative nun auch von den Ärzten selbst aus, die sich zuvor beim Verschreiben sehr zögerlich gezeigt hatten. Mittlerweile setzt kaum noch jemand die Cannabis-Produkte aus unserem Sortiment mit Rauschmitteln gleich; die Dosierung ist in der Regel auch viel zu gering, als dass Rauschzustände herbeigeführt werden könnten. Ebenso hat das Internet einen grossen Einfluss auf die Informationslage und die zunehmende Verlagerung der Nachfrage von der Patientenauf die Ärzteseite.

Im 2013 ist Sativex registriert worden. Wie hat sich dies auf Ihre Tätigkeit ausgewirkt?

Der Sativex-Spray kann ohne spezielle Bewilligung als normales Betäubungsmittel verschrieben werden, aber nur für Patienten mit Multipler Sklerose. Es handelt sich quasi um das Pendant zu unserer Tinktur in Tropfenform. Zuerst hatten wir gewisse Bedenken, dass wir mit Sativex etliche Patienten verlieren würden. Das ist nicht eingetreten, da viele Patienten die Tropfen dem Spray vorziehen. Dank Sativex liessen sich bei Skeptikern Zweifel auszuräumen, wonach die Produkte zu wenig erforscht seien.

Für Anfragen bezüglich Cannabis-Produkten haben Sie eigens eine Telefonlinie eingerichtet: Wie gross ist der Aufwand insgesamt, um auf Anliegen der Kunden einzugehen?

Im Bereich Information und Aufklärung ist der Aufwand sehr gross. Wir erhalten viele Anfragen aus dem Ausland oder von Personen, die sich unverbindlich informieren wollen und nie zu unseren Kunden gehören werden. Vielleicht hat diesbezüglich mein Apothekerherz obsiegt: Mir ist es ein Anliegen, dass ein jeder seine Informationen erhält. Manchmal zerschlagen sich auch Hoffnungen, denn Cannabis eignet sich nicht für alle Beschwerden – es gibt immer wieder Kunden, die unsere Apotheke enttäuscht verlassen. Auch die Beratung der Patienten während einer Therapie ist intensiv; dieser Aufwand muss in Form einer Mischrechnung im Preis des Produktes Niederschlag finden.

Wie kommen Sie mit der steigenden Nachfrage klar?

Im Moment bin ich zusammen mit drei Praxis-Assistentinnen für die Arbeiten rund um Cannabis zuständig, wir haben auch spezielle Räumlichkeiten hierfür geschaffen. Unser Netzwerk wächst relativ kontinuierlich. Mittlerweile stammen viele Verschreibungen auch aus Universitätskliniken. Im Moment betreuen wir zwischen 500 bis 600 Patienten. In den acht Jahren seit wir Cannabisprodukte verkaufen, haben wir ungefähr 1600 Patienten mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen begleitet. Viele davon kontaktieren uns wegen Fragen zu den Medikamenten, weshalb ich alleine die Betreuung und Versorgung nicht mehr bewältigen könnte. Die Betreuung delegieren die Ärzte nach der Ausstellung eines Rezeptes häufig an uns, weil wir diesbezüglich viel Erfahrung haben. Unsere Aufgabe ist es, Fragen der Dosierung, Verträglichkeit und Kombination mit andern Medikamenten zu klären. Bis die richtige Dosierung festgelegt ist, dauert es meistens eine gewisse Zeit.

Wie läuft eine klassische Beratung ab?

Am Anfang steht die Kontaktaufnahme des Patienten per Telefon oder E-Mail. Bei rund einem Drittel der etwa viertelstündlichen Gespräche stellt sich heraus, dass sich Cannabis zur Behandlung nicht eignet. Den andern stellen wir weitere Unterlagen zu, die über das weitere Vorgehen, ärztliche Verschreibung und Kosten informieren. Dann sucht der Patient den Arzt auf, der uns in der Folge kontaktiert. Der administrative Aufwand für den Arzt beläuft sich auf eine halbe Stunde. Neben der Einverständniserklärung des Patienten muss er eine Kostengutsprache anfordern. In der Praxis sieht es so aus, dass die Anwendung häufig während eines Monats getestet wird. Erst wenn sie sich bewährt und sich ein Nutzen zeigt, wird die Krankenkasse kontaktiert.
Nach Einreichen des Antrags ans BAG dauert es 7 bis 10 Tage bis die Verfügung eintrifft. Wenn das Rezept bei uns eingegangen ist, stellen wir dem Patienten das Medikament eingeschrieben per Post zu – auch hier sind bestimmte Auflagen einzuhalten. Nach einer Woche gelangen die Patienten meist mit vielen Fragen an uns; manchmal schlägt das Medikament auch nicht an.

Was ist der Unterschied zu anderen rezeptpflichtigen Medikamenten bei der Abgabe?

Der Aufwand für die Betreuung ist enorm. Doch gerade diese Betreuung ist das A und O für das Gelingen einer Therapie. Kommt hinzu: Viele unserer Patienten sind gesundheitlich schwer angeschlagen und austherapiert. Bei diesen Leuten ist das Bedürfnis sich mitzuteilen gross; sie haben viele Fragen und Ängste – ein Stück weit wirken wir auch als Seelsorger, zumal wir oftmals ihre letzte Hoffnung sind. Dies muss einem liegen. Ich glaube nicht, dass man in diesem Gebiet tätig sein kann, wenn der Fokus nur auf der Rendite liegt. Was die Bereitstellung der Medikamente anbelangt, könnten wir die zehnfache Menge des jetzigen Angebots anbieten, doch die Betreuung liesse sich nicht mehr sicherstellen.

Auch die finanziellen Hürden scheinen hoch zu sein.

In der Tat. Die Krankenkasse ist nicht verpflichtet, die Produkte zu zahlen. Etwa bei zwei Drittel der Patienten wird die Behandlung übernommen, manchmal jedoch nur teilweise. Aber die Kosten sind und bleiben ein Problem. Gewisse Patienten haben Mühe, die Cannabisprodukte zu bezahlen. Bei schwer leidenden Patienten kommt die Frage der Solvenz bei mir erst an zweiter oder dritter Stelle. In solchen Fällen warte ich nicht die Kostengutsprache der Krankenkasse ab. Es ist eine eigentliche Gradwanderung: Einerseits möchte ich jedem helfen, andererseits sollte das Geschäft auch rentieren.

Wieso ist es in der Schweiz untersagt, Cannabiskraut zu verordnen?

In Deutschland ist dies in Ausnahmefällen möglich. Es handelt sich um 300 bis 400 Patienten. Dieses Anliegen findet beim BAG aber kein Gehör. Ich bin auch gespalten, weil das Rauchen die Trennung zwischen Cannabis als Medizin und als Rauschmittel gefährdet.

Inwiefern hat sich diese Fokussierung auf Cannabis auf Ihre Rolle als Apotheker ausgewirkt?

Wir konnten uns mit der Herstellung und Abgabe von Cannabis-Produkten ein Spezialistentum erarbeiten und sind heute Ansprechpartner für viele Patienten, Organisationen, Universitätskliniken und -professoren. Meistens ist eine Apotheke eher ausführend tätig; mit dem Einzug von Cannabis in unsere Apotheke haben sich die Verhältnisse quasi gekehrt. Meine Funktion als Apotheker wird ernst genommen und geschätzt, was jedoch auch verpflichtet, die neusten Studien zu kennen und mit verlässlichen Angaben aufzuwarten. Das ist nicht ganz einfach, da ich gleichzeitig auch eine Apotheke zu führen habe.

Sie stehen häufig in Kontakt mit schwerkranken Patienten. Wie gehen Sie mit dieser Belastung um?

Es braucht sicher eine gewisse Abgrenzung, was nicht immer leicht ist. Mit Sport, Freizeit, Musik und Abenden in guter Gesellschaft sorge ich regelmässig für Auszeiten.

Interview: Tanja Aebli
pharmaJournal 24 | 11.2015