logo pharmaSuisse mit Schriftzug

Beruf und Bildung

Zur Übersicht
 

Ursula Steineberg

Mit 75 Jahren ist Ursula Steineberg die älteste Delegierte bei pharmaSuisse. Ins Auge sticht weniger ihr Alter als ihr ungebrochenes Engagement für ein Metier, das sie bis vor kurzem noch an vorderster Front praktiziert hat. Ein Gespräch über einen Berufsalltag, der für die Ostschweizerin trotz tiefgreifendem Wandel im Gesundheitswesen nichts an Faszination eingebüsst hat.

ursulasteineberg
 

Wieso haben Sie sich als junge Frau dafür entschieden, Pharmazie zu studieren?

Ursula Steineberg: Im Alter von 18 Jahren wusste ich schlichtweg nicht, welchen Pfad ich beruflich einschlagen sollte. Ich mochte Geschichte und Literatur ebenso wie Chemie und Physik. Dabei war mir klar, dass ich meinen Wissensdurst in literarischer und geschichtlicher Hinsicht Zeit meines Lebens selber stillen könnte, ein Selbststudium in den Naturwissenschaften aber nicht zielführend sein würde. Ich holte mir damals bei meinem Paten Rat – Albert Hofmann, seines Zeichens Chemiker und Entdecker von LSD. Er riet mir zur Pharmazie; rückblickend lag er damit goldrichtig, denn ich mag Menschen und hatte schon immer eine Vorliebe für Botanik und Chemie. In der Folge durfte ich in Solothurn in einer Apotheke schnuppern – Arbeitsmilieu und Tätigkeitsfeld in der Offizin haben mir auf Anhieb gefallen.

Welches waren rückblickend die wichtigsten Erfahrungen, die Sie während des Studiums gemacht haben?

Das eineinhalbjährige Praktikum, wie es zu meiner Zeit mitten im Studium vorgesehen war, bescherte mir einen wichtigen Einblick in mein zukünftiges Berufsfeld. Wir konnten selber wählen, wie wir diese Assistenzzeit absolvieren wollten unter der Auflage, dass die Hälfte davon in einer öffentlichen Apotheke stattzufinden hatte. Ich entschied mich für einen Einsatz im Bürgerspital Basel, wo ich die schönste Zeit als angehende Pharmazeutin zubrachte: Meine Kenntnisse in Botanik konnte ich ebenso vertiefen wie meine Fertigkeiten in der Galenik. Beim nachfolgenden Praktikum in einer Offizin lernte ich viel bezüglich Kundenkontakt. Dank dieses Einsatzes konnte ich während des weiteren Studiums auch Vertretungen wahrnehmen. Heute gestaltet sich das Studium anders. Schade finde ich, dass diese Zäsur in der Mitte, bzw. die Einbettung der Praxis zwischen zwei theoretischen Blöcken, nicht mehr vorhanden ist.

Welche beruflichen Optionen zogen Sie nach dem Studium in Erwägung?

Für mich war schon früh klar, dass ich als Erstes eine Familie gründen und danach wieder in den Beruf einsteigen wollte. Während dieser beruflichen Auszeit besuchte ich aber laufend Fortbildungen und studierte die Dokumente, die mir diverse Firmen zukommen liessen. Als die Kinder grösser wurden, nahm ich zuerst Vertretungen wahr und war in der Folge während rund zehn Jahren an einer Apotheke beteiligt. In dieser Funktion schätzte ich, dass meine Kreativität gefragt war und sich das Wirkungsfeld erweiterte. Bis Ende September arbeitete ich noch in einer Offizin, immer jedoch im Bestreben, keinesfalls einer jüngeren Fachkraft den Platz wegzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt werde ich Ferien- oder
Krankheitsvertretungen wahrnehmen.

Wie gestaltete sich der Übergang von der Universität in die Offizin?

Für mich hat es sich ausbezahlt, mich laufend weiterzubilden. Das war zu meiner Zeit nicht üblich, nach dem Diplom hielten es die meisten nicht für notwendig, ihr Wissen à jour zu halten und zu erweitern. Mir ist dieser Übergang leicht gefallen, aber im Studium ist die Funktion in der Apotheke ganz klar zu kurz gekommen. Dem Menschlichen, bzw. den in einer Offizin erforderlichen Sozialkompetenzen, wurde kein Platz eingeräumt, was von Grund auf falsch ist. Der Umgang mit Kunden und Mitarbeitenden ist am wichtigsten im Alltag einer Apothekerin. Eine Wissenslücke, die sich meist an Ort und Stelle dank entsprechender Dokumentation schliessen lässt, verzeihen Kunden einem Apotheker, schlechte Umgangsformen jedoch nicht, so meine Erfahrung. Geschätzt an meiner Zeit in der Offizin habe ich die Dankbarkeit der Kunden für gute Beratung wie auch das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass die Apotheke die erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen ist.

Gab es auch Erfahrungen unerfreulicher Natur?

Beim Umgang von Vorgesetzten mit Mitarbeitenden lag vieles im Argen. Früher war das Hierarchiedenken relativ ausgeprägt. Ich hoffe, dass sich dies heute zum Besseren gewendet hat. Doch ich habe meine Lehre aus schlechten Umgangsformen gezogen und versucht, dies anders zu handhaben, denn die Mitarbeitenden sind doch das wichtigste Kapital überhaupt.

Wie hat sich der Alltag in der Offizin in den letzten Dekaden verändert?

Die Kompetenzen sind heute weitreichender als bei meinem Berufseintritt; ich freue mich für die jüngere Generation, dass Impfen und die Behandlung einfacher Erkrankungen zu ihrem Berufsalltag gehören. Damit wird die Tätigkeit in der Offizin aber auch anspruchsvoller und es braucht Zeit und finanzielle Ressourcen, um solch neue Kompetenzen zu erwerben. Erfreulich finde ich auch, dass wir heute von der Politik wahrgenommen werden und sich der Kontakt zu den Ärzten verbessert hat.

Sie engagieren sich immer noch als Delegierte des Kantonalverbandes bei pharmaSuisse. Was treibt Sie an?

Ich möchte die Zukunft mitgestalten. Neue Werkzeuge wie netCare oder die pharmAcademy eröffnen grosse Chancen. Gleichzeitig ist es betrüblich zu sehen, wie viele Apotheken rote Zahlen schreiben. Die Frage nach dem Wieso gilt es zu klären. Es ist mir auch ein Anliegen, dass wir als Apotheken gegen aussen Einigkeit demonstrieren. Dies beginnt beim Kreuz, das als Statement zu sehen ist. Es darf nicht sein, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht, zum Beispiel beim Qualitätssicherungssystem.

Auch am diesjährigen FIP-Kongress in Düsseldorf sind Sie wieder anzutreffen.

Bei solch grenzüberschreitenden Veranstaltungen lassen sich andere Systeme erkunden. Dabei wird mir immer auch bewusst, wie gut unser eigenes Modell ist, und wie wir auf hohem Niveau jammern. Wir können uns in vielen Bereichen auch an anderen orientieren – der Austausch mit Berufskollegen aus der ganzen Welt erweitert den Horizont und lässt neue Ideen gedeihen. Ich bedaure einzig, dass nicht mehr junge Berufsleute diesem Anlass beiwohnen.

Welche Tipps würden Sie Ihrem Patenkind geben, das sich für die Pharmazie interessiert?

Dieses Studium führt zu einem spannenden Beruf, der sich auch gut mit dem Familienleben vereinbaren lässt. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen.

Interview: Tanja Aebli
pharmaJournal 20 | 10.2015