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Pierre-Alain Gras

Pierre-Alain Gras ist einer der wenigen in der Schweiz praktizierenden Pharmazeuten mit Fachausbildung in klinischer Chemie. In seinen Augen schafft keine Ausbildung bessere Voraussetzungen für die Leitung eines Labors für medizinische Analysen als ein Pharmazie-Studium.

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Was hat Sie zur Pharmazie gebracht?

Pierre-Alain Gras: Mein Onkel war Inhaber der Pharmacie du Mortier d’or in Genf, der späteren Pharmacie Dr. Buchs. Er hatte einen Doktortitel in medizinischen Analysen und versuchte im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Genfer Universität, die Studierenden der Pharmazie für Biologie und medizinische Analysen zu begeistern. Darüber hinaus gehörte er zu den Gründern der Ofac. Er war eine echte Persönlichkeit. Während meines Pharmaziepraktikums in seiner Apotheke habe ich unglaublich viel von ihm gelernt. Der Kontakt mit der Kundschaft und die Arbeit in der Beratung kamen mir später sehr zugute, besonders was den Kontakt mit Ärzten betrifft, mit denen ich auf Augenhöhe diskutieren konnte. Zu dieser Zeit fühlte ich mich jedoch sehr zur Galenik hingezogen und sah meine Zukunft eher in der Industrie.

Für welche Tätigkeit haben Sie sich nach dem Diplom entschieden?

Ich wollte bei Prof. Pierre Buri an der Universität Genf in galenischer Pharmazie promovieren, doch der betreute bereits ein Dutzend Doktoranden – darunter Jean-Luc Salomon, den späteren Ofac-Direktor. Er bat mich um ein Jahr Geduld. Um keine Zeit zu verlieren, nahm ich auf Anraten meines Onkels Kontakt mit dem Zentrallabor für Klinische Chemie des Genfer Universitäts- und Kantonsspitals auf. Wie es der Zufall wollte, wurde mir eine Halbzeitstelle im Bereich medizinische Analysen angeboten. Ich schloss die Uni im Juni 1975 ab und trat im August den Posten des Sektionschefs an. Zu meinem Verantwortungsbereich gehörten Elektrolyte, aber auch Spezialanalysen wie Eisen, Porphyrine oder Nierensteine. Das Aufgabengebiet war sehr breit gefächert und gefiel mir ausserordentlich gut. Wie das Sprichwort sagt: Der Zufall geht Wege, da kommt die Absicht gar nicht hin.

Was war Ihr nächster Schritt auf der Karriereleiter?

Ich nahm weiterhin meine Halbzeittätigkeit im Zentrallabor wahr und begann gleichzeitig eine Fachausbildung in Klinischer Chemie an den Hôpitaux universitaires de Genève (HUG). Zu der Zeit gab es in der Schweiz keinen Ausbildungsgang in Labormedizin, so dass ich mich von Frankreich und der dortigen Assistenzzeit für Pharmazeuten inspirieren liess. Ich baute mir so meine Ausbildung über fünf Jahre hinweg quasi selbst zusammen und eignete mir in den HUG Kenntnisse in Hämatologie, Urinanalyse usw. an. Abgerundet wurde meine «Learning by doing»-Ausbildung durch Kurse in Mikrobiologie am CHUV in Lausanne.

Wurde seither eine geregelte Ausbildung in medizinischer Analytik geschaffen?

Ja. Ende der 80er-Jahre ergriff die FAMH – damals ein Verband privater Labors, der die Interessen freiberuflich tätiger Laborleiter vertrat – die Initiative für die Schaffung einer Postgraduiertenausbildung für die gesamte Schweiz. Dieses FAMH-Diplom konnte monodisziplinär – Hämatologie, klinische Chemie, klinische Immunologie, medizinische Mikrobiologie oder (später) medizinische Genetik – oder pluridisziplinär sein. Ersteres dauerte drei, letzteres fünf Jahre. pharmaSuisse, die in der mit der Ausarbeitung dieses Diplom-Ausbildungsgangs befassten Kommission «Weiterbildung zum Larborleiter» sass, beauftragte mich mit der Vertretung der Pharmazeuten, die ich dann zehn Jahre lang wahrnahm. In dieser Kommission setzte ich mich besonders für eine mindestens fünfjährige Dauer der pluridisziplinären Ausbildung ein, angelehnt an die FMH-Ausbildung für Ärztinnen und Ärzte. Dies war meines Erachtens eine unabdingbare Voraussetzung, um der Qualifikation Glaubwürdigkeit und Anerkennung zu verschaffen – insbesondere auf Seiten der Ärzteschaft. Doch andere Kommissionsmitglieder, namentlich die Chemiker, waren nicht unbedingt auf derselben Wellenlänge.

Hat sich diese FAMH-Ausbildung seit ihrer Einführung weiterentwickelt?

Es gibt immer nach ein kurzes und ein langes Curriculum, doch beide mussten den europäischen Richtlinien angepasst werden, was die multidisziplinäre Ausbildung noch schwieriger gemacht hat. Heute muss man dafür sechs oder sieben Jahre investieren, und die Finanzierung erweist sich oft als kompliziert. Die Folge: Es gibt heute noch wesentlich weniger multidisziplinär ausgebildete Laborleiter als zuvor.

Weshalb orientieren sich so wenige Apotheker in Richtung Labormedizin?

Vor allem deshalb, weil sie diese Berufsperspektive gar nicht kennen. Niemand hat sie ihnen während ihres Studiums wirklich nahe gebracht. Während meiner Laufbahn habe ich mich bemüht, an den Universitäten dafür zu werben – jedoch ohne durchschlagenden Erfolg, wie ich zugeben muss. Das ist bedauerlich, da die Pharmazie meiner Meinung nach die beste Ausbildung darstellt, um ein Labor für medizinische Analysen zu leiten. Unser Curriculum bereitet uns sehr gut auf eine solche Tätigkeit vor – etwa in den Fächern Biologie, Physik usw. – und dann haben wir viel mit diesem Fachbereich zu tun. Sogar Ärzte verfügen nicht über vergleichbare praktische und technische Kenntnisse. Und trotzdem sind die Laborleiter heute vor allem Chemiker, Biologen oder Biochemiker. Man findet unter ihnen nur einige Ärzte – in den privaten Labors mögen es rund zwanzig sein – und noch weniger Pharmazeuten. Wohingegen in Italien, Spanien, Frankreich nur Mediziner oder Pharmazeuten diese Funktion wahrnehmen dürfen. In Deutschland können nur Mediziner Laborleiter werden. Die Schweiz gilt in dieser Hinsicht ein wenig als Aussenseiter.

Gibt es viele Arbeitsplätze?

So viele wie nie. Da viele Laborleiter bald in den Ruhestand gehen werden, wird es an Nachwuchs fehlen, um die Labors zu übernehmen. Es ist ein Beruf, der die Möglichkeit eröffnet, zum Unternehmer mit eigenem Labor zu werden. Die einzige Bedingung besteht im Zugang zu einer geeigneten Finanzierung, denn der Kauf oder die Errichtung eines Labors erfordert hohe Investitionen. Ausserdem gilt es, neben der eigentlichen Tätigkeit im Labor viele Verwaltungs-, Personal- und Managementaufgaben zu erledigen. Man kann sich aber auch für eine gut bezahlte (Voll- oder Teilzeit-)Beschäftigung im Angestelltenverhältnis entscheiden.

Was muss ein frischgebackener Diplom-Pharmazeut tun, der sich für Labormedizin interessiert?

Zuerst gilt es eine Aufnahmeprüfung zu bestehen, in der allgemeine wissenschaftliche Kenntnisse geprüft werden. Bestimmte Stoffbereiche, die im Studium nur überflogen wurden, müssen aufgefrischt, andere etwas vertieft werden, doch diplomierte Pharmazeuten haben den Vorteil, bereits solide Kenntnisse in Biologie, Bakteriologie und Chemie zu besitzen. Ein wenig Vorbereitung vorausgesetzt, sollten sie die Prüfung ohne Weiteres bestehen können. Schwierigerist es da schon, anschliessend einen Praktikumsplatz in einem Labor zu finden. Ich rate dazu, mit der Suche schon zwei Jahre vor dem Studienabschluss zu beginnen und dabei Spitäler, Privatlabore und Institute aufzusuchen, um an ein von der FAMH anerkanntes Praktikum zu gelangen.

Werden die Praktika bezahlt?

Durchaus. Ich habe mich in der FAMH-Kommission dafür eingesetzt, dass die Anwärter für dieses Diplom während ihres Praktikums eine korrekte Entlohnung erhalten. Die entsprechenden Monatsgehälter bewegen sich heute zwischen 5000 und 8000 Franken brutto.

Multidisziplinär oder monodisziplinär? Wozu raten Sie?

Ich rate zu einer multidisziplinären Ausbildung, auch wenn sie länger dauert. Den grössten Teil der Arbeit eines Laborleiters macht die Interpretation der Ergebnisse aus, und wer multidisziplinär ausgebildet ist, hat viele Trümpfe in der Hand, verfügt über einen guten Gesamtüberblick und kann auch die Ärzte besser beraten. Wer sich für einen monodisziplinären Ausbildungsgang entscheidet, sollte meines Erachtens mit der Mikrobiologie beginnen. Das ist die komplexeste Fachrichtung, die jedoch Türen zu anderen Bereichen öffnet.

Zurück zu Ihrem beruflichen Werdegang. Was folgte auf Ihre Station im Zentrallabor des Kantonsspitals?

Ich arbeitete ein Jahr lang in einem Genfer Privatlabor. Im Jahr 1981 eröffnete ich dann das medizinische Labor Pierre- Alain Gras, direkt über der Apotheke meines Onkels. Zwei Jahre später kamen Ärzte des Hôpital de la Tour in Meyrin auf mich zu und fragten, ob ich die Leitung des Labors dieses Privatspitals mit 260 Betten übernehmen wolle. Nachdem ich das Labor zwei Jahre lang in Teilzeit geführt hatte, erwarb ich es, um es mit meinem ersten Labor zu fusionieren. Das war alles andere als eine ruhige Angelegenheit, denn das Hôpital de la Tour hatte sich stark weiterentwickelt, insbesondere in der Herzchirurgie mit Bypass-Operationen, aber auch in der Dialyse oder in der Pädiatrie. Ich musste ein enormes Arbeitspensum bewältigen, um auf dem neusten Stand zu bleiben und zuverlässige Ergebnisse zu liefern. Doch das ist immer der Fall, wenn man ein Unternehmen gründet, was im Übrigen auch für die Offizin-Pharmazie gilt. Nach 15 Jahren entschied ich mich, mein Labor an einen internationalen Konzern zu verkaufen, und übernahm dort die Stelle des Direktors für Kundenkommunikation in der Schweiz. Aufgrund divergierender Ansichten hatte ich diesen Posten jedoch nur kurze Zeit inne.

Sie haben wieder ein Labor aufgemacht?

Schon seit einer Weile war mir klar geworden, dass eine Internetpräsenz absolut notwendig sein würde. Nach gründlichem Überlegen entschied ich mich 2003, die Plattform e-lab.ch zu starten, die es der Ärzteschaft erstmals ermöglichte, Analysen elektronisch in Auftrag zu geben (siehe Kasten). E-lab.ch wurde in der Folge von Unilabs aufgekauft. Das Unternehmen bot mir den Posten des Regionalleiters für die Westschweiz an, den ich zwei Jahre lang innehatte, bevor ich in den Aufsichtsrat berufen wurde. 2011 verliess ich Unilabs, um Strategieberater für ein Genfer Labor zu werden.

Im Hinblick auf die Schaffung eines neuen Produkts?

Ja, im Dezember 2012 schufen wir gemeinsam das Labor TEST SA, ein neues Instrument für die Online-Bestellung biologischer und medizinischer Analysen. An den entsprechenden Gesprächen war auch die Labco-Gruppe beteiligt. Alle an die Ärzte übermittelten Ergebnisse werden in technischer Hinsicht durch Techniker und in biologischer Hinsicht durch mich selbst in meiner Eigenschaft als wissenschaftlicher Leiter des Labors TEST SA validiert. Ich bin ausserdem leitender Laborspezialist FAMH in Teilzeit im Labor Biopath Lab in Lausanne.

Zum Schluss: Müssen sich Ihre Kollegen aus der Offizin-Pharmazie für medizinische Analysen interessieren?

Glucose, Harnstoff, Leberenzyme, Nachweis von Streptokokken im Rachenraum, Schwangerschaftstests – sie können rund 20 biologische Parameter analysieren, ebenso wie Ärzte. Bisher bieten jedoch nur sehr wenige diese Leistung an. Ärzte erwirtschaften mit Analysen einen Umsatz von 500 Millionen, Offizin-Apotheker dagegen nur wenige Millionen. Wenn sie weiterhin kein Interesse zeigen, droht ihnen dieses Tätigkeitsfeld verloren zu gehen. Das wäre schade, auch weil diese Analysen enormes Potenzial in Sachen Prävention besitzen. Die Zahl der Menschen, die an Diabetes oder Niereninsuffizienz leiden, ohne es zu wissen, ist beträchtlich. Die Apotheken müssten sich daher stärker für Früherkennungs Kampagnen engagieren, um nach einem ersten Screening die Betroffenen an einen Arzt verweisen zu können.

Interview: Thierry Philbet
pharmaJournal 16 | 8.2016